Der Sport des 21. Jahrhunderts

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Freaks oder Nerds werden sie genannt. Den ganzen Tag sitzen sie im abgedunkelten Zimmer und spielen Ballerspiele. Echte Freunde und soziales Leben gibt es nicht. So ist zumindest die gängige Meinung über Computerspieler. Das der sogenannte eSport hiermit reichlich wenig zu tun hat und sich im Laufe der Jahre langsam zum Volkssport entwickelt hat, wird hierbei völlig übersehen.

Profesionelle Strukturen

Über 840.000 Spieler nehmen regelmäßig am Ligabetrieb des größten deutschen Ligaveranstalters, der Electronic Sports League (ESL) teil. Das ist von der Anzahl her vergleichbar mit der Mitgliederzahl des deutschen Handballverbands.

Die im Jahr 2002 gegründete Liga bringt seit Jahren immer professionellere Strukturen in den eSport. So wurde unter anderem die „ESL Pro Series“ (EPS) ins Leben gerufen. Eine Liga für Profispieler, vergleichbar mit der Fußball Bundesliga. Es gibt feste Teams mit Team Managern, eigene Teamshirts von Sponsoren wie Kappa oder Adidas. Ablösesummen sind genauso üblich wie Trainingslager, sogenannte „bootcamps“, in denen vor großen Veranstaltungen dann noch einmal besonders intensiv trainiert wird.

Bis zu 20-mal pro Jahr werden in verschiedenen Städten, von Hamburg, über Bremen, bis München bis zu 20 Events, sogenannte „Intel Friday Night Games“ (benannt nach dem Hauptsponsor) veranstaltet. Vor 750 bis zu 2000 Zuschauern werden hier extrem spannende Spiele live vor Publikum ausgetragen, anstatt wie gewöhnlich über das Internet. Am Saisonende verfolgen bis zu 150.000 Interessierte das geschehene über Live Ticker, Internet Radio und Livestreams.

Seit einiger Zeit steigt daher auch von Seiten herkömmlicher Sportredaktionen das Interesse am eSport. So veröffentlicht die bekannte Sportseite spox.com regelmäßig Berichte und Kolumnen unter einer eigenen Rubrik eSport. Seit kurzem berichtet auch das beliebte Fussballradio 90elf über elektronische Fusballspiele die mit dem Spiel „Fifa 2010“ ausgetragen werden.

Ein lukrativer Nebenverdienst

Für die Spieler die es einmal bis hierin geschafft haben, ist das Spielen weit mehr als nur Freizeit.  Durch feste Gehälter und Siegprämien ist es auch ein durchaus lukrativer Nebenverdienst. Allein in der letzten Saison wurden von der Electronic Sports League 165.000 Euro an Preisgeld ausgeschüttet.

Einer dieser Spieler ist Tim Kleemann. Im echten Leben studiert der 24-jährige Sport und Latein im siebten Semester an der Uni Mainz. Ein gewöhnlicher Student der gerne Partys feiert und ganz normale Freunde hat. Im Internet ist er dagegen seit Jahren einer der bekanntesten Spieler. Für „LeOn“ gibt „mason“, so sein Spitzname im Internet, einen kleinen Einblick in das Leben eines professionellen Computerspielers.

In der Szene bist du ein bekannter „eSportler“ und genießt einen gewissen Promistatus. Für Außenstehende ist es allerdings schwer nachvollziehbar, wieso man Ego-Shooter wie Counter-Strike mit Sportarten wie z.B. Fußball gleichsetzen kann. Was ist denn das sportliche am Computerspielen?

Tim: Der Sportliche Wettkampf ist insofern vergleichbar, dass es ebenso ein Teamspiel ist wie Fußball. Einzelspieler haben keine Chance.

Wieso muss es gerade Counter-Strike sein, ein Spiel, das schon über Zehn Jahre alt ist und kaum Realitätsbezug hat. Drückt die veraltete Grafik nicht auf den Spielspaß?

Tim: Das Spiel hat einfach eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich und ist daher perfekt ausbalanciert. Das äußert sich z.B. so, dass beide Teams aufgrund der Waffen, der gespielten Karte etc. exakt die gleichen Chancen haben die jeweilige Runde für sich zu entscheiden. Da es ein Spiel ist, braucht es keinen Realitätsbezug. Die Grafik ist da vollkommen egal, da achtet man überhaupt nicht drauf ob da jetzt groß Blut spritzt oder nicht. Der reine Wettkampf, das messen mit den anderen ist entscheidend.

Wenn mal wieder eine Killerspieldebatte entflammt, wird jedes Mal Counter-Strike als Beispiel für Gewalt in Computerspielen angeführt. Kannst du dies nachvollziehen?

Tim: Wenn ich mich in einen Außenstehenden hineinversetze, könnte ich mir schon vorstellen, dass der Eindruck vermittelt wird, Counter-Strike sei gewalttätig. Dem ist aber nicht so, es gibt weder riesige Blutlachen, noch abgetrennte Gliedmaßen oder Schulmädchen die niedergemetzelt werden, wie es die Presse immer wieder gerne darstellt. Für uns steht das Teamplay im Vordergrund. Wichtig ist allein der Rundengewinn und wenn man einen gegnerischen Spieler ausgeschaltet hat, ist das eben ähnlich wie im Fußball wenn man ein Tor erzielt.

Auf Offline-Veranstaltungen, wie Lan-Partys oder speziellen Events, wird ja die deutsche, ab 16 Jahren freigegebene Version gespielt, stört es dich denn, dass Blut nun Eierfarben statt Rot ist?

Tim: Das ist komplett egal. Die Farbe könnte auch rosa sein. Das einzig wichtige ist, dass man erkennen kann, ob man den Gegner getroffen hat oder nicht.

Du bist ja nun schon seit Anfang an dabei. Was haben denn deine Eltern dazu gesagt, dass du vor allem in der Oberstufenzeit und während des Abiturs viel gespielt hast? Wie stehen sie heute dazu?

Tim: Dazu muss ich zunächst mal sagen, ich war nie ein besonders fleissiger Schüler, daher hatte die Zockerei jetzt nicht direkt große Auswirkungen auf meine Leistungen. Meine Eltern waren natürlich anfangs nicht so begeistert. Mittlerweile haben Sie es jedoch akzeptiert und mein Vater ist sogar ein richtiger Fan von mir geworden der regelmäßig meine Ergebnisse verfolgt und mich auch schon mal googelt.

Um ganz oben mitzumischen, was braucht man dazu? Einfach den ganzen Tag zocken?

Tim: Nicht jeder der viel spielt wird automatisch zum Pro-Gamer. Klar muss man sich ein Gewisses Können erarbeiten, ein Großteil hängt aber auch vom taktischen Verständnis, dem Teamplay, sowie der Fähigkeit ein Spiel zu lesen ab. Bei mir war es so, dass ich in meiner Anfangszeit wirklich sehr viel gespielt habe. Heute sind es vielleicht noch maximal 15 Stunden pro Woche.

Was reizt dich denn nach vielen Jahren heute immer noch am spielen?

Tim: Das Spiel macht einfach nach wie vor Spaß. Man kennt die Leute in der Szene, kommt viel herum etc.

Du studierst ja mittlerweile im siebten Semester an der Uni Mainz. Ist dein zeitaufwendiges Hobby denn mit einem straff durchgezogenen Studium zu vereinbaren?

Tim: Auch wenn ich wohl insgesamt ein bis zwei Semester länger brauchen werde, ist es durchaus machbar. Man muss eben bei der Stundenplan Planung darauf achten wenn möglichst nach 18:00 keine wichtigen Seminare mehr zu haben, dann geht das schon. Im Zweifelsfall geht jedoch die Uni vor.

Wie reagieren denn Freunde oder Kommilitonen von der Uni, wenn du ihnen erzählst, was du als Nebenjob machst?

Tim: Extra erzählen tue ich es normal keinem, aber wenn, dann sind die Leute in der Regel eigentlich immer aufgeschlossen und interessiert.

Ist es dir schon mal passiert, dass dich beim weggehen jemand aufgrund deines Hobbys angesprochen hat?

Tim: Sogar schon öfters (lacht). Die Leute können es dann immer kaum glauben, dass ich wahrhaftig vor ihnen stehe. Oft bekomme ich dann sogar noch etwas ausgegeben und wir labern ein bisschen.

Was kann man denn als Profispieler so verdienen?

Tim:  Aufgrund der Wirtschaftskrise ist es nicht mehr so gut wie noch vor zwei Jahren. Ein mittelmäßiger EPS Spieler verdient in etwa im niedrigen dreistelligen Bereich plus Prämien. Ein bis zwei Top Teams können es sich noch leisten einen höheren dreistelligen Betrag zu zahlen. International gibt es aber schätzungsweise fünf bis zehn top Teams die ein vierstelliges monatliches Gehalt + Prämien erhalten.

Wie lange hast du denn noch vor weiter zu spielen?

Tim: Ein bis zwei Semester würde ich gerne spielen, aber dann ist wohl Schluss, sonst gibt es Ärger mit der Freundin. Aktuell ist es so, dass ich Angebote bekomme und überlege, ob und welches ich wahrnehmen soll, denn fuer mich steht fest, dass ich, wenn ich weiterspielen sollte, nur noch in einem deutschen Topteam spielen will

Würdest du sagen, die Zockerei ist ein Gewinn für dich, an den du dich in zehn Jahren gerne wieder zurück erinnerst?

Tim: Einerseits hab ich durch die Zockerei und das ganze Drumherum  einfach sehr viele Leute kennen gelernt, mit denen ich über den Computer hinaus befreundet bin. Mir wurden Reisen ins Ausland, z.B. nach Peking und in die Ukraine ermöglicht und in Deutschland war ich aufgrund der vielen Intel Friday Night Games auch schon von Nord bis Süd in jeder größeren Stadt unterwegs. Nicht zu vergessen der finanzielle Aspekt, sowie die Preise und Prämien.  Andererseits hätte es mir in meiner Jugendzeit wohl nicht geschadet ein bisschen weniger Zeit vor dem Kasten zu verbringen. Im Nachhinein würde ich es wohl eher nicht mehr so machen und mich intensiver mit meiner Fußballballkarriere oder dem Pokerspielen befassen.

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