Kennen Sie den Presserat? Wenn ja, dann sind Sie statistisch gesehen wohl Student – und zwar mit Medienschwerpunkt – oder Sie arbeiten in einem Presseunternehmen. Alles andere grenzt schon fast an ein Wunder. Denn das Gremium der freiwilligen Selbstkontrolle der deutschen Presse, wie es sperrig heißt, erfreut sich nicht gerade überbordender Bekanntheit.
Jeder kann sich beim Presserat beschweren
So wundert es kaum, dass sich die Tätigkeit des Rates in überschaubarem Rahmen hält. Jedermann kann sich beim Presserat beschweren. Theoretisch, wenn er je von ihm gehört hat. Über ethische Verstöße von Print- und (seit 2009) Onlinepublikationen. Das Maß, das dabei angelegt wird, ist der Pressekodex. Eine Sammlung von 16 Ziffern, die von sorgfältiger Recherche über Schleichwerbeverbot bis hin zu diskriminierungsfreier Berichterstattung alles Wesentliche enthalten, was sauberen Journalismus ausmacht. Woran sich jeder Schreiberling zu halten hat.
| Der deutsche Presserat Gründung: 20. November 1956 als Reaktion auf ein geplantes Bundespressegesetz Mitglieder: Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Deutscher Journalistenverband (DJV), Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), Deutsche Journalistinnen und Journalistenunion (DJU) Finanzierung: 50% Beiträge der Mitgliedsorganisationen, 50% staatlicher Zuschuss Gremien: Plenum (28 Mitglieder), drei Beschwerdeausschüsse Beschwerden: Jeder Bürger, Verband, Institution kann eine Beschwerde eingeben Sanktionsmittel: Hinweis, Missbilligung, nicht-öffentliche Rüge, öffentliche Rüge |
Wo es Regeln gibt, gibt es Verstöße
Soweit die Theorie. Wo es Regeln gibt, gibt es Verstöße, dass liegt in der Natur der Sache. Die bearbeitet der Presserat, falls sie ihm gemeldet werden. Kommt er zu dem Schluss, dass gegen den Kodex verstoßen wurde, kann er im schlimmsten Fall öffentlich rügen. Immerhin 95% der deutschen Verleger haben sich verpflichtet diese abzudrucken. Sie tun es nicht immer. Vor allem die Bild-Zeitung ist so ein Kandidat, der sich vorbehält, Rügen für ungerechtfertigt zu halten. Oder in die sprichwörtlich letzte Reihe zu verbannen. Dass Bild auch gerne die Krallen ausfährt, wenn man ihr zu genau auf die Finger schaut, bekam eine Gruppe Mainzer Studierender um den Journalismus-Professor Volker Wolff zu spüren.
Ein Fall von Schleichwerbung
2006 landete eine Sonderausgabe des Reisemagazins Merian auf dem Tisch von Wolff. Die ‚Traumstraßen der Welt‘ lautete der Titel. Man hätte verstanden, wenn da das ein oder andere Auto im Bild erschienen wäre. Dass aber in der selben Fotostrecke gleich 16fach! ein werkneues Fahrzeug der Marke Audi auftauchte, ließ Zweifel an der Zufälligkeit aufkommen. Zumal die Positionierung, beispielsweise in der sonst gähnend leeren Savanne Südamerikas, durchaus als exponiert bezeichnet werden konnte. Das fanden auch Wolff und seine Studenten. Ihr Urteil war klar: Schleichwerbung. Ein Fall für den Presserat!
Mit dem Kodex ernst gemacht
So wurde die Idee geboren, den schreibenden Kollegen einmal genauer auf die Finger zu schauen. Fortan sichteten die Studenten des Journalistischen Seminars regelmäßig den Blätterwald auf der Suche nach kleineren oder größeren Kodexverstößen. Heraus kamen rund 120 Beschwerden, die Wolff an den Presserat weiterleitete. Normalerweise behandelt der zwischen 500 und 700 Anzeigen pro Jahr – die Mainzer Großeingabe dürfte den ein oder anderen Schreibtisch zum glühen gebracht haben. Und so manche Köpfe. Vor allem die Bild, und vorneweg Chefredakteur Kai Diekmann, zeigte wenig Verständnis dafür, dass mit dem Pressekodex ernst gemacht wird.
Diekmann forderte den Presserat auf, die Mainzer Beschwerden nicht zu bearbeiten. Anwälte wurden eingeschaltet. Wolff warf man den Missbrauch des Rates vor. Für Leon hat Sebastian Pfeffer mit Volker Wolff über die damalige Kontroverse und den weiteren Verlauf gesprochen.
Pofessor Volker Wolff im Interview
Herr Professor Wolff, im Jahr 2006 haben Sie mit ihren Studierenden erstmals eine Sammlung von rund 120 Beschwerden beim Deutschen Presserat eingereicht. Ging es Ihnen dabei speziell um die Bild-Zeitung?
Volker Wolff: Sicher nicht! Die Studenten haben genommen, was ihnen in die Finger fiel. Und da ist die größte Tageszeitung automatisch dabei. Unsere einzige Intention war es, den Pressekodex einfach mal ernst zu nehmen.
Trotzdem fühlte sich Bild, namentlich ihr Chefredakteur Kai Diekmann, besonders fest auf den Schlips getreten. Man schaltete Anwälte ein, intervenierte beim Presserat, sprach von Missbrauch. Ihnen wurde vorgeworfen, Sie erzeugten absichtlich Vorgänge, um diese für den Unterricht zu nutzen.
Wolff: Ich habe gelernt, dass Anwälte den größten Blödsinn schreiben können und dürfen. Der Vorwurf, ich bräuchte Lehrmaterial ist absurd. Die Jahrbücher des Presserats sind voll mit Fällen.
Der Presserat war anscheinend mit Ihnen auf einer Linie. Er wies den Vorwurf des Missbrauchs zurück, bearbeitete die Eingaben. Ein Erfolg?
Wolff: Sagen wir so: Aus anderen, nicht offiziellen, Quellen bekam ich den Hinweis, dass die Entscheidung knapp war. Und dass ich’s in Zukunft besser bleiben lasse. Zuspruch haben wir dagegen von verschiedenen Journalisten erhalten, die uns gesagt haben: „macht weiter!“
Warum das?
Wolff: Ich denke, weil viele Journalisten wissen, dass man nur mit ethisch sauberem Journalismus seine Existenz begründen kann.
2007 sank die Zahl der Eingaben auf 33, 2009 waren es noch knapp 20. Eine Folge der Querelen?
Wolff: Jein. Bei den ersten Eingaben haben wir es einfach laufen lassen. Es fand keine große Diskussion statt. Später haben wir uns mehr Mühe gegeben und uns besser organisiert. Wir prüfen und diskutieren die Fälle vor einer Beschwerde jetzt sehr viel genauer.
Also machen Sie weiter?
Wolff: Was in diesem Jahr passiert, weiß ich nicht. Die Studierenden entscheiden, ob es weitere Beschwerden gibt.
Um ihre Studenten vor etwaigen Repressalien durch betroffene Verlage zu schützen, treten stets Sie als Beschwerdeführer auf.
Wolff: Richtig. Meine Studierenden wollen ja Journalisten werden. Also bleiben sie im Hintergrund und ich unterschreibe. Das weiß auch der Presserat.
Haben Sie je befürchtet, dass es, sagen wir, zu generellen Vorbehalten gegenüber Studierenden des Journalistischen Seminars kommt?
Wolff: Nur weil die den Pressekodex ernst nehmen? Nein. Ich denke das ist eher eine Sache der Rechtsabteilungen und nicht der einzelnen Redaktionen. Da habe ich keine Angst.
Insbesondere im Kontext der regelmäßigen Kodexverstöße durch die Bild-Zeitung, und deren Umgang mit den Rügen des Presserats, wird der Vorwurf des ‚zahnlosen Tigers‘ laut. Wie beurteilen Sie den Presserat und seine Arbeit?
Wolff: Naja, Bild wird oft gerügt und es scheint so, dass sie eher nur Rügen veröffentlichen, die sie selbst für berechtigt halten. Und das ist wohl nicht jede. Prinzipiell muss man sich fragen, ob das ganze System Presserat noch richtig gebaut ist. Seit den 50er Jahren hat sich viel verändert, beispielsweise hinsichtlich der Schleichwerbung. Es sind nach wie vor keine unabhängigen Mitglieder dabei und es fehlt an Transparenz. Und obwohl er es könnte, wird der Rat immer noch nicht von sich aus aktiv. Das Thema ist komplex.
Herr Professor Wolff, zum Abschluss: Auf einer Skala von 1-10, wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass Bild ihnen demnächst einen Job anbietet?
Wolff: (lacht) Null! Ich bitte Sie. Die sollen meinen Studenten Jobs geben. Das sind gut ausgebildete Journalisten. Die kennen auch den Pressekodex.
| Dr. Volker Wolff ist Professor für Presse-Journalismus am Institut für Publizistikwissenschaft der Universität Mainz. Seit Oktober 2009 vertritt er als Prodekan den Fachbereichs 02. In kürze erscheint im UVK-Verlag ein zusammen mit Dominik Bartoscheck verfasstes Buch (‚Vorsicht Schleichwerbung!’) über die oftmals undurchsichtige Spruchpraxis des Presserates. |
Tiger oder Goldfisch?
Die Kritik am Presserat ist vielfältig und komplex (siehe Interview). So konstatierte Bild-Blogger Stefan Niggemeier in einem in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienenen Artikel, der Presserat sei in etwa so angriffslustig wie ein Goldfisch. ‚Zahnloser Tiger’ sei demnach geradezu schmeichelhaft, impliziere der Begriff doch, dass das Gremium beißen würde, wenn es nur könnte. Wolle es aber gar nicht. Rekapitulieren wir die Zahlenlage: im Schnitt landen 700 Anzeigen pro Jahr auf den Schreibtischen der Kodexhüter. In etwa 150 Fällen wird ein Verstoß festgestellt. Zählen sie mal die Zeitungen an ihrem Kiosk in der Nachbarschaft und multiplizieren sie mit 365. Man muss kein ausgemachter Pessimist sein um zu vermuten, dass da mehr zu finden wäre.
Beschwerdearbeit nicht die einzige Aufgabe des Presserats
Aber halt! Das der Rat nicht wild um sich beißt liegt bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so fern. Denn die Kontrollierten sind die Kontrolleure. Freiwillige Selbstkontrolle, dass ist ein Grad der Freiheit, der manchmal weh tut. Aber die Unabhängigkeit der Presse ist eben ein hohes Gut. Eins, das der Presserat bislang gegen staatliche Eingriffe zu verteidigen wusste - auch wenn er mit seiner Branche nicht übertrieben hart ins Gericht geht. Der Tiger brüllt lieber leise. Und dem Gros der Journalisten gilt der Kodex viel, das belegen diverse Umfragen.
Unbekannt aber glücklich?
Trotzdem! Man muss erwarten können, dass sich das Gremium nicht vor seiner Arbeit sträubt. 120 Eingaben aus Mainz und im Presserat bricht eine Kontroverse los: da kann ja jeder kommen. Schlussendlich bearbeiteten die Kodexhüter die Mainzer Beschwerden zwar, änderten aber auch die Beschwerdeordnung. Seither findet sich in dieser ein Passus, der bei ‚offensichtlichem Missbrauch’ die Ablehnung einer Eingabe zulässt. Erläuterungen, was unter dem Etikett genau zu verstehen ist, sucht man hingegen vergeblich.
Ruhig Kätzchen, möchte man da sagen, es kennt dich doch ohnehin kaum einer. Das ist einer der Verdachtspunkte, den fast alle Kritiker teilen: Der Presserat möchte gar nicht so sehr berühmt sein. Könnt’ ja jeder kommen. Am Ende sogar Studenten und ein Journalismus-Professor aus Mainz.
Tags: Bild, Bild-Zeitung, Journalismus, Pressekodex, Presserat

Februar 3, 2010 um 4:13 pm |
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