“Der Sinn der Sinnfrage”

by

Worin besteht der Sinn des Lebens und welche  Ideologien haben  die  Jugendlichen heutzutage? Eine Antwort auf diese Fragen liefert die empirische Jugendforschung und Seine Meinung dazu äußert auch Prof. Dr. Barz aus Düsseldorf.

Es ist bereits Mitternacht, und Florian sitzt vor seinem Computer. Der 19-jährige Schüler ist kurz vor seinem Abitur, dennoch hat er heute Abend vieles vor. Lange wach zu bleiben und  mit Freunden online zu spielen. „Ich habe einen Teilzeitjob und verdiene genug Geld. Meinen Freiraum habe ich auch und ich bestimme selbst, was ich mit meiner Freizeit anfange. Ich bestimme selbst, wie ich leben will“ erklärt er.

Wie ticken die Jugendliche heute?


Die gegenwärtig 15 bis 25- jährige stellen bereits die heutige Generation der Jugentlichen dar. Nach der skeptischen Jugend, den Revoluzzern und der Spaßguerilla in den Neunzigern, beschäftigt sich die empirische Jugendforschung genau mit dieser Generation der Gegenwart, die von vielen als pragmatisch bezeichnet wird.

Die 15-te Shell-Jugendstudie führte in 2006 eine Untersuchung  mit rund 2.500 Befragten durch. Ziel dieser Studie ist es, die Ideologien dieser Generation festzustellen. Aus diesem grund wurden die Jugendlichen nach ihrer Lebenssituation, ihren Glaubens- und Wertevorstellungen sowie Politikansichten befragt. Die Ergebnisse deuten auf eine selbstbewusste Generation hin, die sich immun gegen die gesellschaftlichen  Herausforderungen darstellt und Werte wie Bildung, Fleiß, Ehrgeiz und Engagement für besonders wichtig hält.

Der neue Wertemix

Festzustellen ist somit ein Konzept des Wertewandels, der nach Meinung der Forscher Ende der 60er begonnen hat, als die traditionellen Werte durch neue abgelöst wurden. Die Wertesynthese der modernen Individuen beruht mehr auf soziale Dimensionen des Lebens und nicht auf den materiellen Werten. Allerdings ist nicht nur eine Veränderung bei den Ideologien zu berücksichtigen, sondern auch bei dem Werteumgang selbst.

Die Frage nach den neuen Ideologien und nach den Ergebnissen zur Werteorientierung der jungen Generation selbst, kann heutzutage mithilfe von Ergebnissen der empirischen Studien beantwortet werden.

Aus der Sicht eines Jugendforschers

Prof. Dr. Heiner Barz leitet in der Heine-Universität Düsseldorf die Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement. Als Professor für Erziehungswissenschaft (seit 2002) hat er zahlreiche Forschungsprojekte und empirische Studien zu Bildung und Lebensgestaltung  durchgeführt. Genau in diesem Zusammenhang hat er einen Vortrag in Mainz im Auftrag des Studiums Generale gehalten und seinen  Stellenwert vielen Studenten, Professoren  und Lehrern vorgestellt. „Spannend ist heute mehr, dass wir einen anderen, flexiblen Umgang mit Werten praktizieren“, behauptet er in seinem Vortragsexpose und somit hat er das Interesse seiner Zuhörer bereits am Anfang  gewonnen.

LeOn: Herr Barz, wie haben Sie die Entscheidung getroffen, sich mit dem Wertewandelkonzept der Jugendlichen zu beschäftigen?

Prof. Barz: Mich hat vor 20 Jahren das Verhältnis junger Menschen zu Religion interessiert. Darüber wusste man fast nichts- also habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen. Glücklicherweise konnte ich dazu dann auch eine größere Studie anfertigen. Dabei kommen ganz automatisch Fragen des Wertewandels in den Blick.

LeOn: Welche Ideologien hat die junge Generation Ihrer Meinung nach heutzutage?

Prof. Barz: Immer weniger Ideologien. Immer mehr pragmatisch, realistisch, undogmatisch. Das war in meiner Jugendzeit anders. Damals hatte z .B: der  Marxismus oder der Atheismus große Attraktivität auf junge Leute.

LeOn: In Ihrer Studie über Jugend und Religion berücksichtigen Sie die Tatsache, dass die Indikatoren für Glauben und Religion rückläufig sind. Was hat Ihrer Meinung nach dazu beigetragen?

Prof. Barz: Vieles. z. B: Die sozioökonomische und soziokulturellen Veränderungen der Lebenswelt der Menschen, die wenig flexible Haltung der christlichen Kirchen, der Siegeszug des okzidentalen Rationalismus, die Ersetzung des religiösen Glaubens durch den Wissenschaftsglauben, die höhere Lebenssicherheit in modernen Gesellschaften.

Wertetypen bei den Jugendlichen

Dass die pragmatische Generation immer weniger für Ideologien übrig hat, stellen auch die Shell-Jugendforscher in ihrer Studie fest. Ihre Forschungsgruppe teilt die Probanden in vier Wertegruppen auf, die genau die Wertekontraste bei den Jugendlichen nachweisen können. Die „unauffällige“ (welche eine Passivität aufweisen) zusammen mit dem „pragmatischen Macher“ (für welchen ein positives Verhältnis, Zufriedenheit und zielgerichtetes Handeln  typisch sind) umfassen die eine Hälfte der jungen Generation. Der Wertekontrast im zweiten Gegensatzpaar von „robusten Materialisten“ und „Idealisten“ ist auch gleich festzustellen. Beispiel für Idealisten sind vor allem junge Frauen, die ein hohes Bildungsniveau  haben und somit höhere Werte besitzen. Im Gegensatz dazu erwähnen die Forscher die Gruppe der Materialisten, die durch männliche Jugendliche vertreten wird, welche nach ihren eigenen Vorteilen suchen.

LeOn: Herr Barz, welchen Wertetyp halten Sie für eine erfolgreiche Investition für die Zukunft und was trägt zu einer Aufteilung in diesen vier Wertetypen bei?

Prof. Barz: Der pragmatische Macher. Die vier Wertetypen aber  sind als sehr vereinfachte Charakterschemata zu verstehen, die in der Wirklichkeit nur in vielfältiger individueller Brechung und Variation vorkommen. Kein Jugendlicher ist unveränderlich einem dieser Typen zugeteilt, sondern es sind jederzeit Wechsel möglich. Persönliche Veranlagungen setzen sich erst im Zusammenhang mit der jeweiligen Biografie und Lebenssituation von Jugendlichen in eine solche Charaktertypik um.

Relevanz der Sinnfrage

Die pragmatische Jugendgeneration  hat ihre neuen Werte und einen flexiblen Umgang mit diesen. Viel mehr weisen die Jugendlichen heutzutage ästhetische und soziale Werte auf, und kaum materielle. Sie orientieren sich an den konkreten, naheliegenden Problemen und suchen die alltagspraktischen Lösungen, um diese zu bekämpfen. Ein Beispiel dafür sind viele Demonstrationen und der aktuelle Protest gegen die Bologna-Reform. „Eine pragmatische Generation also, die sich ziemlich immun gegenüber den Versprechungen weltanschaulicher Ideologien und religiöser Heilslehren erweist. Eine Generation jedenfalls, die ihr Heil nicht in Super-Sinnangeboten sucht sondern das alltagspraktische Social Piecemeal, dass Flickwerk oder Patchwork der kleinen Veränderungen betreibt – eigentlich eine erfreuliche Diagnose“ , meint Prof. Dr. Barz.

LeOn: Herr Barz, was würde Ihrer Meinung nach dazu beitragen, dass sich mehrere Jugendliche auf die Suche nach dem Sinn machen?

Prof. Barz: Eine dramatische Verschlechterung der ökonomischen, sozialen, politischen Situation.

LeOn: Sie haben in Ihrem Vortrag erwähnt, dass die Formulierung „Sinn des Lebens“ erst im 20-sten Jahrhundert auftaucht. Allerdings hat sich schon Sigmund Freud mit der Sinnfrage beschäftigt und hat diese als ein Indikator für eine Therapie bezeichnet, weil nur der psychisch Kranke nach Sinn fragen würde. Wie sollte man heutzutage diejenigen verstehen, die sich die Frage nach dem Sinn stellen?

Prof. Barz: Ich bin sehr positiv überrascht, wie genau Sie zugehört haben! Vielleicht als religiös oder spirituell ansprechbar.

LeOn: Am Ende haben Sie auch bestimmt eine Antwort auf die Frage, die uns alle interessiert. Worin besteht letztendlich der Sinn der Sinnfrage?

Prof. Barz: Vielleicht darin, dass der Mensch sich seines Daseins und seines Soseins vergewissert und immer neue Antworten suchen und immer wieder neue Fragen stellen muss.

Tags: , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.