“Twitter ist für uns nicht nützlich”

von

Teil 2 der Serie Wahlkampf im Web: Die Linke

Mark Seibert

Am 27. September ist Bundestagswahl. Je näher dieser Termin rückt, desto lauter rufen sich die Parteien den Wählern wieder ins Gedächtnis. Eine deutlich größere Rolle als noch 2005 spielt in diesem Jahr der Online-Wahlkampf. Nicht gerade als Vorzeige-Web 2.0-Partei gefeiert wird die Linke. Obwohl Oskar Lafontaine im StudiVZ schreibt, die Partei bei youtube sendet und sogar ihre eigene Community hat. Über die Linke im Web 2.0 hat LeOn mit dem Leiter Ihres Online-Wahlkampfs, Mark Seibert, gesprochen.

LeOn: Herr Seibert, Ihre Partei hat eine vergleichsweise alte Wählerstruktur. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für Ihren Online-Wahlkampf?

Seibert: Viele unserer Wähler werden wir im Internet schlicht nicht erreichen. Trotzdem tragen wir unserer Wählerstruktur Rechnung, indem wir beispielsweise versuchen, unsere Homepage barrierefrei zu gestalten. Der ganze Aufbau ist eher nüchtern und die weißen Hintergründe erleichtern das lesen. Auch auf Flash-Animationen verzichten wir weitestgehend.

LeOn: Andererseits positionieren sich viele Meinungsführer im Internet offen politisch links. Warum schafft die Linke es nicht, diese linken „Netzbewohner“ für sich zu gewinnen?

Seibert: Nicht alle Onliner im linken Spektrum sind auch Linke-Wähler. Bei den Antifa-Gruppen gelingt uns die Zusammenarbeit aber ganz gut.

LeOn: Wo setzen Sie denn im Online-Wahlkampf Ihren Schwerpunkt?

Seibert: Wir konzentrieren uns auf unsere Homepage www.die-linke.de, denn sie hat im Vergleich zu unseren Präsenzen bei StudiVZ oder unserem youtube-Channel die höchsten Zugriffszahlen. Unser Ziel ist nicht unbedingt die Massenkommunikation sondern eher die Organisation unseres Wahlkampfs.

Die Linke bei youtube: In 60 Sekunden die Welt erklären.

Die Linke bei youtube: In 60 Sekunden die Welt erklären.

LeOn: Wie wichtig ist der Online-Wahlkampf im Jahr 2009 in Ihren Augen?

Seibert: Die Entwicklung des Online-Wahlkampf war die vom Nischendasein zum gleichberechtigten Zweig der Kampagne. Heute ist Online-Wahlkampf genau so wichtig wie Plakatwerbung oder Public Relations.

LeOn: Trotzdem taucht Online-Wahlkampf der Linken selten in den Medien auf. Warum?

Seibert: Das Bild, das da von den Medien gezeichnet wird, ist schief und zeugt von größter Unkenntnis und Ahnungslosigkeit der Journalisten. Dass die Linke nicht als Web 2.0-Partei vorkommt, ist ein Akzeptanzproblem: Viele erwarten das von der Linken ja gar nicht.

LeOn: Aber die anderen Parteien sind sehr aktiv im Netz, zum Beispiel die SPD…

Seibert: Der SPD kann man im Web 2.0 ja kaum noch ausweichen. Aber sie rennt damit einem Hype hinterher. Nach dem Gießkannen-Prinzip mischt die SPD in jeder erdenklichen Online-Anwendung mit. Die Masse funktioniert bei der SPD, aber an der Klasse hapert es. Wir haben hingegen verstanden, dass man auf Augenhöhe in einen Dialog treten muss. Die SPD löscht zum Beispiel viele Kommentare. Da wird der Nutzer nicht mehr ernst genommen. Außerdem halte ich es auch für unsinnig, kopflos allen Trends hinterherzulaufen. Vielleicht stellen wir 2013 fest, dass der Web 2.0-Wahlkampf völlig unwirksam war.

LeOn: Welche Rolle spielt dabei das Wahlkampfbudget?

Seibert: Natürlich ergeben sich aus unterschiedlichen Budgets auch unterschiedliche Online-Strategien. Die SPD wird sicher kurz vor der Wahl noch einmal virale Flash-Videos verbreiten, weil sie über die entsprechenden Mittel dafür verfügt. So etwas werden wir nicht machen, weil wir dafür einfach nicht die Ressourcen haben.

Hier twittern die Parteien - ohne die Linke.

Auf http://www.parteigeflüster.de twittern die Parteien - ohne die Linke.

LeOn: Die Seite www.parteigefluester.de stellt die twitter-Aktivitäten der Parteien dar. Auch hier taucht die Linke gar nicht auf. Warum?

Seibert: Um in die Seite einbezogen zu werden, muss eine Partei genug Accounts und genug Leser bei twitter haben. Wir als Partei haben uns aber bewusst gegen twitter entschieden und gesagt, wir halten uns bei twitter raus. Lediglich einzelne Politiker twittern. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass die Seite www.parteigefluester.de eindeutig ausgrenzend und parteipolitisch geprägt ist.

LeOn: Warum hat sich das Wahlkampfmanagement ausdrücklich gegen twitter entschieden?

Seibert: Twitter ist für uns nicht nützlich. Die anderen Parteien machen das, weil Obama über twitter etwas erreichen konnte. Sie glauben: Wenn ich twitter’, dann bin ich eine moderne Partei. Wir glauben, dass das von der Community durchschaut wird, noch bevor die große twitter-Blase platzt.

LeOn: Trotzdem ist auch die Linke in vielen Communitys aktiv. Spitzenpolitiker wie Oskar Lafontaine haben beispielsweise Edelprofile bei StudiVZ. Wie wichtig ist Ihnen dieses Netzwerk?

Oskar Lafontaine im StudiVZ

Oskar Lafontaine im StudiVZ

Seibert: Anfangs haben wir uns dagegen gesträubt, bei StudiVZ aktiv zu werden. Aber als alle anderen Parteien mitgemacht haben, haben wir uns angeschlossen. Sonst hätten das ja merkwürdig ausgesehen. Heute ist unsere StudiVZ-Präsenz ein riesiger Erfolg.

LeOn: Was wird bis zur Wahl auf Ihrem Youtube-Channel geschehen?

Seibert: Unser Podcast 60+ ist sehr erfolgreich. Er erklärt in 60 Sekunden komplexe Zusammenhänge. Andere Parteien lassen ihre Redner in den Youtube-Videos zehn Minuten lang reden. Bei 60+ weiß der Zuschauer, dass er die wichtigsten Informationen in einer Minute bekommt. Es gibt ein großes Informationsbedürfnis bei den Internetnutzern und dem begegnen wir mit kurzen, knackigen und  kurzweiligen Filmen – aber mit Inhalt. Wir haben außerdem im Zuge des Wahlkampfs zwei weitere Formate entwickelt, die bald zu sehen sein werden: Ein Reportage-Format, bei dem die Zuschauer die Höhepunkte des Wahlkampfs miterleben können und ein Format, mit dem wir kurzfristig auf die Äußerungen anderer Parteien reagieren werden.

LeOn: Die Grünen hatten vor der Europawahl einen „3-Tage-wach“-Live-Videoblog. Werden Sie so etwas Ähnliches ausprobieren?

Seibert: Da hatten die Grünen wirklich eine gute Idee. Man ärgert sich schon, dass man nicht selbst so etwas gemacht hat. Jetzt das Gleiche zu machen wäre aber langweilig, die Idee hatten ja Andere schon.

LeOn: Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Online-Aktivitäten?

Seibert: Zahlen sind zwar wichtig, aber nicht alleine. Die reine Zahl der Unterstützer, Freunde oder follower kann nicht das Maß sein. Wie man das messen kann, müssen wir noch herausfinden. Die Unterstützer, die wir im Internet haben, mit denen arbeiten wir eben. Wichtig ist vor allem der Dialog. Unser Ziel ist es, Input zurück zu kriegen.

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12 Antworten zu „“Twitter ist für uns nicht nützlich”“

  1. Piratenpartei Mainz (piratenmainz) 's status on Friday, 24-Jul-09 14:26:17 UTC - Identi.ca sagt:

    [...] “Twitter ist für uns nicht nützlich” « Lehrredaktion Online [...]

  2. Piratenpartei Deutschland (piratenpartei) 's status on Friday, 24-Jul-09 14:27:16 UTC - Identi.ca sagt:

    [...] “Twitter ist für uns nicht nützlich” « Lehrredaktion Online [...]

  3. Pirat aus RLP sagt:

    Wird es hier auch ein Interview mit jemandem von der Piratenpartei geben?

  4. Ranjit sagt:

    Quote
    LeOn: Andererseits positionieren sich viele Meinungsführer im Internet offen politisch links. Warum schafft die Linke es nicht, diese linken „Netzbewohner“ für sich zu gewinnen?

    Seibert: Nicht alle Onliner im linken Spektrum sind auch Linke-Wähler. Bei den Antifa-Gruppen gelingt uns die Zusammenarbeit aber ganz gut.
    /Quote

    Also kurz zusammengefasst:
    F: Warum wählen linke Netizens sie nicht?
    A: Linke Netizens wählen uns nicht.

    Sehr erleuchtend.

  5. René J. sagt:

    @ Ranjit:

    Mark meinte damit, dass nicht jeder, der sich mit linken Inhalten im Internet präsentiert oder identifiziert, bspw. in Form von Kampagnen zu Themen wie Internetzensur, Kontrolle, Überwachung oder Datenspeicherungen, (…) auch automatisch DIE LINKE wählt.

    Das ist automatisch auch eine Begründung für die Ausgangsfrage. Warum schafft ihr das nicht? Weil´s eben so ist, dass nicht jeder, der links webt, ausschließlich links wählt. Erleuchtend muss das nicht unbedingt sein, aber eine Erklärung ist es allemal!

    A: Warum wählen linke Netizens sie nicht?
    B: Weil jeder seinen eigenen Kopf hat und haben soll! Im Rahmen der antifaschistischen Arbeit gelingt uns das Vorhaben bspw. in Reihen der Antifa-Gruppen ganz gut.

    Besser?

  6. Interview zum Online-Wahlkampf « Scheissetorte – 1,50€/Stck. sagt:

    [...] Du HIER! Einen Kommentar schreiben « [...]

  7. FlorianX sagt:

    “Twitter ist für uns nicht nützlich”

    Idioten, sollen doch schauen das sie so präsent wie möglich sind!

  8. Mark Seibert sagt:

    @FlorianX
    Eben. Deshalb haben wir uns gegen Twitter entschieden. Die Reichweite ist einfach zu gering, dafür ist der Aufwand, wenn man es richtig machen will, zu hoch. Stattdessen setzen wir auf andere Kanäle. Das ändert allerdings auch nichts an der Tatsache, dass viele Kandidatinnen und Kandidaten der LINKEN trotzdem twittern. Ist ja auch OK.

    @Ranjit
    Es wäre mir zwar lieber, aber leider ist es so, dass in der Tat nicht alle, die sich als links verstehen, auch DIE LINKE wählen. Damit müssen wir leben.

  9. dielinkebrb sagt:

    Sich gegen Twitter auszusprechen, ist nicht mutig. Sondern einfach dumm. Hättest du geschwiegen, wärest Du ein Weiser geblieben. Fortschrittsfeindlichkeit ist tödlich für eine Partei.

  10. einlinkerbrb sagt:

    Ich spreche natürlich nicht für alle Brandenburger Linken, zur Klarstellung.
    Nochwas, 60+ habe ich immer für Sendungen für über 60jährige gehalten. Irreführend.

  11. DIGITALE LINKE sagt:

    [...] dann gibt es noch Twitter… Für den Wahlkampf der Linken sei das zwar nicht hilfreich (via Leon), aber dennoch nutzen viele KandidatInnen (aller möglichen Wahlen) mittlerweile auch Twitter als [...]

  12. Eine Fortsetzung… Linke, Linkspartei, Twitter, Liste » Digitale Demokratie sagt:

    [...] dann gibt es noch Twitter… Für den Wahlkampf der Linken sei das zwar nicht hilfreich (via Leon), aber dennoch nutzen viele KandidatInnen (aller möglichen Wahlen) mittlerweile auch Twitter als [...]

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