Teil 1 der Serie Wahlkampf im Web: die Grünen im Web 2.0

Obama hat’s vorgemacht, die deutschen Parteien wollen’s nachmachen. Das Internet als Wahlkampf-Netzwerk nutzen die Grünen in Communitys wie StudiVZ, Facebook und twitter. Viel Aufsehen erregte die Partei auch mit ihrer Homepage, die mit Bildern, Videos und Animationen auffällt. Über den Online-Wahlkampf der Grünen hat LeOn mit Lars Kreiseler, Büroleiter der Politischen Bundesgeschäftsführerin und Wahlkampf-Leiterin Steffi Lemke, gesprochen.
Leon: In den letzten drei Tagen vor der Europawahl gab es das Projekt „3 Tage wach“, ein 72-Stunden-Live-Videoblog. Was haben wir bei der Bundestagswahl zu erwarten?
Kreiseler: Zum ersten Mal in Deutschland haben die Grünen bei der Europawahl so etwas gemacht. Die letzten drei Tage sind die wichtigsten, weil viele Wähler so kurz vor der Wahl noch unentschieden sind. Wir wollten unseren Kampf für die Inhalte bis zum Schluss führen, bis Sonntag 18 Uhr. Deshalb stand ein Team von Freiwilligen aus ganz Deutschland rund um die Uhr Rede und Antwort per Internet, Telefon und Fax. Bei schwierigeren Fragen haben wir auch schonmal Abgeordnete angerufen, die dann gesagt haben: Okay, ich schreibe euch einen kurzen Text. Der Zentrale hier in Berlin konnte man die ganze Zeit live im Internet zusehen, das war Spaß, das war Adrenalin. Ein Mann hat uns angerufen und erzählt: Seine Mutter weiß noch nicht, warum sie überhaupt wählen gehen soll. Per Online-Video haben wir ihr dann erklärt, warum. Am Ende war dann klar: Sie geht wählen und wahrscheinlich auch die Grünen. Aber klar, das wird es auch vor der Bundestagswahl wieder geben. Andere Parteien werden vielleicht versuchen, das Konzept zu kopieren, aber wir verfeinern das Ganze nochmal.
LeOn: Die Grünen haben seit kurzem das Unterstützernetzwerk “wurzelwerk“. Die Idee, in parteieigenen Online-Netzwerken Unterstützer zu mobilisieren, hatten auch andere Parteien. Warum geht das Konzept der Graswurzel-Bewegung bei den Grünen auf?
Kreiseler: Es ist eine Frage der Glaubhaftigkeit. Von den Grünen erwartet man, dass sie zwischen zwei Wahlen auch mal demonstrieren gehen. Wir sind eine Partei, zu der das gut passt, diese Graswurzelbewegung. Wir kommen aus solchen Bewegungen, gehen auch regelmäßig auf die Straße. Die Glaubwürdigkeit von Frank-Walter Steinmeier ist diesbezüglich nicht so groß.
LeOn: Manche Leute sagen: twitter ist eine Totgeburt. Was sagen Sie dazu?
Kreiseler: Es braucht Mut, um Sachen auszuprobieren, von denen man nicht weiß, ob es sie im nächsten Wahlkampf überhaupt noch gibt. Aber jedes Instrument, das Dialog verspricht, sollte man ausprobieren. Und twitter ist ein Netzwerk, mit dem echter Dialog funktionieren kann. Wir schätzen die direkte Response sehr. Wichtig ist hier: Wenn du Dialog willst, musst du’s erst meinen oder es bleiben lassen. Deshalb twittern die Grünen-Politiker auch alle selbst, da gibt es keine Fakes. Zudem erfüllt Twitter eine Art Kontrollfunktion, weil man sich nicht nur auf die Titelseiten der Massenmedien verlassen muss.
LeOn: Der Deutsche Wahlkampf wird ja immer wieder am Beispiel Obama gemessen…

Kreiseler: Ja, insbesondere Markus Beckedahl von netzpolitik.org weist immer wieder darauf hin, dass der deutsche Onlinewahlkampf nicht das Niveau des amerikanischen erreicht. Diese Kritik teile ich nur begrenzt – denn der Vergleich hinkt. Wenn man gleichzeitig einfordert, dass sich hinter den Profilen auch immer wirklich der Politiker befindet, muss man eben Abstriche machen. Markus Beckedahl weiß ja auch, dass Obama gar nicht alle Onlineaktivitäten selbst ausgeführt hat. Ich finde, wir sollten unsere Anforderungen ein Stück zurücknehmen: Ein Politiker, der den ganzen Tag twittert, Facebook-Einträge kommentiert, Abgeordnetenwatch-Fragen beantwortet, Blog-Beiträge schreibt, Fotos auf Flickr hochlädt und noch StudiVZ und noch andere Profile pflegt wird nicht allzu viel Zeit haben um den „Content“ zu produzieren, über den er dort kommunizieren will..
LeOn: Worauf legen die Grünen denn den Schwerpunkt im Online-Wahkampf?
Kreiseler: Der Wahlkampf der Grünen stützt sich auf drei Säulen: Informieren, interessieren und involvieren Die Homepage gruene.de mit ihren journalistisch aufbereiteten Texten bietet Information. Profile bei den Social Networks und twitter gewährleisten Dialog und unser Partei-Netzwerk „wurzelwerk“ erfüllt den Zweck einer parteiinternen Community. Außerdem haben wir mit „Meine Kampagne“ ein sehr starkes und erfolgreiches Tool zur Freiwilligenmobilisierung im Einsatz. Bei den Social Networks haben wir zuerst vor allem auf Facebook gesetzt aber jetzt haben wir auch angefangen, bei StudiVZ aktiv zu sein. Mit unseren zahlreichen Mitmachangeboten setzen wir auf das Involvement unserer Anhänger – in die Debatte, in Aktionen, in die Kampagne.
LeOn: Werden Sie twitter auch zur rapid response nutzen, also zeitnah z.B. auf Äußerungen aus anderen Parteien reagieren?
Kreiseler: Ja, wir werden rapid response auch via twitter machen. Das haben wir bereits mit unserer Politischen Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke bei dem „Townhall-Meeting“ von Frau Merkel gemacht. Das läuft also auch jetzt schon aber vor allem bei den TV-Duellen werden wir verstärkt darauf setzen.

Reinhard Bütikofer twittert rege aus dem Europaparlament
LeOn: Gibt es einen Leitfaden für twitter, also eine Empfehung an Grünen-Politiker, wie twitter eingesetz werden soll?
Kreiseler: Bei uns gibt es keine twitter-Anleitung. Jeder muss für sich entscheiden, worüber er twittern möchte. Unsere Leute verstehen relativ schnell, wie twitter funktioniert. Im Gegensatz zu manchen Kollegen anderer Parteien, die mal viel twittern und dann wieder wochenlang gar nicht. Wer twitter so nutzt, der hat twitter falsch verstanden.
LeOn: Wie sieht das Online-Wahlkampf-Budget der Grünen aus?
Kreiseler: Für den gesamten Wahlkampf im Wahljahr 2009 haben wir 5 Millionen Euro zur Verfügung. Online- und Offline-Budget sind dabei schwer voneinander zu trennen. Sicher ist: wir geben 2009 wesentlich mehr Geld und Ressourcen für Online aus als noch 2005.
LeOn: Wie gehen Sie mit gefälschten Politiker-Profilen, z.B. bei twitter, um?
Kreiseler: Manchmal muss man das klarstellen. Das haben wir getan, als ein twitter-Fake von Claudia Roth aufgetaucht ist. Wir haben das Fake auf unseren eigenen Accounts „geoutet“ und dann war die Sache erledigt. Wir beugen aber vor, indem wir alle möglichen Namenskombinationen von grünen Politikern angelegt und uns damit gesichert haben. Aber letztlich ist das Internet viel schneller und dynamischer, als dass man es in einer Kampagne kontrollieren könnte.
Tags: Die Grünen, Kreiseler, twitter, Wahlkampf, Web 2.0
Juli 20, 2009 um 9:30 am |
[...] (?) Projekt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Wen es interessiert, der kann es hier [...]
Juli 30, 2009 um 11:00 am |
Interessanter Artikel