Beyond Materialism
Klack, klack, pfffft – Alljährlich hört man es schütteln und sprühen auf der hessischen Rheinseite. Dann kann man sich sicher sein – das Meeting of Styles (MOS) geht in die nächste Runde. Graffiti-Künstler, DJs, MCs, B-Boys und Szeneinteressierte versammeln sich zum achten mal über drei Tage am Brückenkopf in Mainz-Kastel um sich offiziell der Zelebrierung der vier Säulen des HipHop zu widmen.
Denkt man an Graffiti, so scheiden sich zunächst einmal die Geister – von den einen verpönt als Schmiererei und Vandalismus, ist es für die anderen eine Hochform der urbanen Kunst- und Jugendkultur. Mittlerweile gibt es kaum noch eine Eisenbahnbrücke in diesem Land, welche noch nicht mit der Farbdose bearbeitet wurde. Viele Bilder sind oftmals von wirklich hoher kreativer Qualität, andere sind selbst für Szenekenner einfach nur Schmiererei.
Der rechtliche Status Quo kriminalisiert allerdings jegliches Besprühen von öffentlichen und privaten Objekten durch Graffiti-Künstler. Diese müssen im Falle, dass sie erwischt werden oft mit drakonischen Strafen rechnen. Mittlerweile gibt es in den größeren Metropolen bereits Sonderkommissionen der Polizei, die sich dem Thema angenommen haben und auf „Künstlerjagd“ gehen.
Legales Austoben
In Wiesbaden ist allerdings einmal im Jahr drei Tage Schlaraffenland für alle Sprayer und Freunde dieser Szene angesagt. Vom zwölften bis vierzehnten Juni war wieder soweit: über 60 der besten Artists der Region und aus aller Welt bemächtigten sich im riesigen Tunnelkomplex unter den Bahngleisen in Mainz-Kastel ihrer Waffen – den Sprühdosen. Laut Veranstaltungsleitung war es ein harter Kampf mit dem Stadtparlament, das MOS erneut in seiner Heimatstadt abhalten zu können, denn viele Kritiker waren dagegen und ließen nichts unversucht dem MOS einen Strich durch die Rechnung zu machen. Glücklicherweise hatten eben diese Kritiker keinen Erfolg bei ihrem Vorhaben, da der Stadtrat doch aus einer Mehrheit von MOS-loyalen Köpfen besteht, die das MOS und das Drumherum sehr schätzen. Für sie ist das MOS noch immer ein eindrucksvolles Kapitel von internationaler Kollaboration und kulturellem Austausch. Deshalb plädieren sie dafür, dass Kunst in Wiesbaden frei und unabhängig bleibt.
Der Beat klingt aus den Boxen, die Atemluft riecht und schmeckt nach Lösungsmitteln sobald man den Fußgängertunnel betritt. Eine Farbexplosion, wie man sie selten gesehen hat offenbart sich den Augen. Ein Gemälde reiht sich an das nächste. Teilweise verschmelzen riesige Pieces (Graffiti-Gemälde) zu beeindruckenden Kollagen aus Fantasiewesen, Schriftzügen und Bildnissen, deren Interpretation die Fantasie des Betrachters oft auf eine harte Probe stellt. „Sind das Buchstaben oder einfach nur Muster?“ – manchmal ist das wirklich schwer zu sagen, aber dennoch so gewollt. Denn hier geht es um Kunst, und diese mag sich wie so oft jeglicher Analyse entziehen.
Materialismus Ade
Das Motto des diesjährigen MOS lautet: „Beyond Materialism“. Viele Künstler haben genau dies in ihren Werken aufgegriffen. Man erkennt Mississippi-Dampfer die auf schwarzen Öl-Wellen an Bohrinseln vorbeischwappen. Der Kapitän mit riesiger Zigarre und Dollarzeichen in den Augen. Dicke, fette, monsterartige Charaktere schieben sich Dollarnoten in den Rachen. „Eben ein Spiegel unserer Zeit“, erklärt mir einer der Sprayer, der unbenannt bleiben möchte. Erstaunlich ist immer wieder wie detailreich und detailverliebt viele der Werke sind. Extreme, fast schon fotorealistische dreidimensionale Artworks lassen den Betrachter oft mit offenem Mund über längere Zeit vor einem Bild verharren.
Hier einige Bildimpressionen vom MOS 2009.
Den ganzen Tag lang wird am Tunneleingang Musik gemacht, gegrillt und getanzt. Viele der Künstler reisen in Gruppen an. Nicht jeder ist ein Graffiti-Artist. Manche sind DJs, Breakdancer, Rapper oder einfach nur als Support dabei. Wer seine Schallplatten mit dabei hat kann gerne ein wenig Musik machen. Die Breaker zeigen ihre Skills und Moves auf den ausgelegten PVC-Matten oder veranstalten spontan einen kleinen Kurs auf der nahgelegenen Skateboard-Halfpipe für alle die, die noch nicht so beweglich sind. Rapper und MCs geben sich die Mikrofone in die Hand und wechseln sich alle paar Takte beim darbieten ihrer Texte ab. Selbst zufällig vorbeikommende Zuschauer scheinen höchst begeistert von dieser Art der Völkerverständigung und bleiben gern ein wenig länger stehen um sich das Spektakel bei optimalen Wetterbedingungen anzusehen.
Alles in allem war es ein sehr erfolgreiches MOS 2009. Der Brückenkopf-Tunnel hat eine komplett neue Gestalt bekommen. Es gab weder Beanstandungen der Ordnungshüter noch sonstige negativ auffallende Vorkommnisse. Wir warten gespannt auf das nächste Jahr und hoffen, dass sich der Wiesbadener Stadtrat noch immer so tolerant und offen gegenüber den Veranstaltern, den Künstlern aus aller Welt und der Jugendkultur präsentiert.
Weitere Infos zum Meeting of Styles findet man unter http://wallstreetmeeting.de/.
(Quelle: luggas333 – Youtube)
Schlagworte: Brückenkopf, graffiti, Graph-Art, HipHop, Jugendkultur, Kunst, Mainz-Kastel, Meeting of Styles 2009, Underground, Wall Street Meeting
