Warum ich nicht weiß, was ich werden möchte.

By charleswal

Mit 4 Jahren war ich fest davon überzeugt Eisverkäufer zu werden. Das Eis schmeckte gut, der Eisverkäufer war freundlich, die Sonne schien und das alles stimmte mich fröhlich und zuversichtlich. Bis ich erkannte, dass es eine kalte Jahreszeit gibt, in der es kein Eis, keinen Eisverkäufer und keine Sonne gibt.

Mit 6 Jahren war ich mir sicher Museumswärter zu werden, weil mich die großen Berliner Museen beeindruckten und mein Vater mich für die Exponate begeistern konnte. Bis mein Vater mir meine ersten Bücher kaufte, und ich fortan nur noch selten ins Museum ging.

Mit 10 Jahren war es für mich dann absolut ausgeschlossen nicht Taxifahrer zu werden. Vielleicht weil ich nur äußerst selten und nur zu äußert wichtigen Anlässen mit meinen Eltern in einem Taxi fuhr. Jedenfalls hatten Taxifahrer für mich einen besonderen Nimbus der Macht. Sie wussten wo es hinging, bestimmten die Regeln und wie viel Geld die Reise kostete. Da wollte ich auch hin. Bis ich dann längere Zeit nicht mehr mit dem Taxi fuhr und sich der Gedanke verlor.

In den folgenden Jahren war ich mir sicher Schriftsteller, Rapper, Hippie, Lottogewinner, Professor, Drogenhändler, Webdesigner, Architekt, Regisseur, Koch, Arbeitsloser, Konzernchef, Erfinder oder Investor zu werden, und auch heute halte ich einige dieser Schicksale für äußert attraktiv.

Demnächst werde ich 24 Jahre alt und will unbedingt Geograph werden. Die Geographie bietet eine so große Themenvielfalt, dass das Studium jedes Einzelthemas einen ganz neuen Blick auf das Zusammenhängende bietet. Geographen wissen wie sich die Welt in ihrem Innersten entwickelt, sie wissen welche Prozesse sich zu Land und zu Luft abspielen, sie kennen die Kulturen dieser Welt, und das was aus ihnen hervorgegangen ist. All das setzen sie in Beziehung zu einander, und entwickeln Modelle und Theorien und arbeiten somit aktiv an einer besseren Zukunft. Das fasziniert mich sehr und seit dem ich Geographie studiere, sehe ich die Welt mit anderen Augen. Das ist wie mit einem guten Song. Zunächst ist es nur ein schönes Lied. Doch je öfter man es sich anhört, desto mehr erkennt man die Struktur des Songs, das Intro, den Refrain, die Strophen. Als nächstes wird einem das Konzept des Songs bewusst, der Spannungsverlauf. Man beginnt Instrumente im Hintergrund des Songs wahrzunehmen, die Dopplung der Stimme an wichtigen Passagen und so weiter.

Aber selbst der schönste Song dauert nur ein paar Minuten, und bei aller Begeisterung für die Geographie, wird auch sie mich nur für einen bestimmten Lebensabschnitt (seien es Tage, Monate oder Jahre) begleiten. Vielleicht erhalte ich gleich die Nachricht, dass meine Freundin schwanger ist, dass ein Familienmitglied gestorben ist, oder dass ich im Lotto gewonnen habe. Und dann schreibe ich morgen einen ganz anderen Aufsatz darüber, was ich werden möchte.

Schlagworte: , , , ,

Eine Antwort schreiben