Die Anschläge von Mumbai im November 2008 schockierten die Welt und offenbarten, dass der Konflikt zwischen den Atommächten Indien und Pakistan nicht versiegt ist. In beiden Ländern werden nun Stimmen der Vergeltung laut. Steht die Region vor einem nuklearen Krieg?
Sie kamen in Booten. Sie kamen schnell und tödlich. Sie kamen mit einer Mission und sie waren gekommen um zu bleiben – grausame 54 Stunden lang.
Die Attentäter von Mumbai setzten im vergangenen November neue, ungewohnte Maßstäbe in punkto Terror. Über zwei Tage lang versetzten junge Männer wie Ajmal Amir Kasab, 21, mehr als 14 Millionen Menschen in Angst und Schrecken, die Weltöffentlichkeit inklusive. In dieser Zeit gelang es ihnen 150 Menschen zu töten und mehr als 300 zu verletzen, darunter auch gezielt viele Ausländer. Bewaffnet mit Sprengstoff, Granaten und Sturmgewehren verwandelten sie die Megametropole in einen Kriegsschauplatz, zerstörten und besetzen zahlreiche Gebäude, nahmen Zivilisten als Geiseln und lieferten sich blutige Straßenschlachten mit den überforderten Sicherheitskräften.
Pakistans ungeklärte Rolle
Angesichts der militärischen Stärke Indiens, ein Land, das seit 1998 schätzungsweise über mehr als 60 Atomsprengköpfe verfügt, eine erschreckend hohe “Erfolgsbilanz“ für die Kämpfer der “Deccan Mudschahedin“, eine Gruppe von fundamentalen Islamisten, die in Verbindungen zur pakistanischen Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba stehen soll. Deren Botschaft war eindeutig: Niemand ist vor uns sicher, zu keiner Zeit, an keinem Ort und keine Macht der Welt kann euch schützen.
Besonders pikant erscheint in diesem Zusammenhang die noch ungeklärte Rolle Pakistans. Dessen quasi autonomer Geheimdienst, Inter-Service Intelligence (ISI), soll die in Pakistan stationierte Terrororganisation Lashkar-e-Taiba unterstützt haben. Würde sich dieser, besonders von den Anhängern der nationalistischen, indischen Hindu-Partei BJP hervorgebrachte Verdacht bestätigen, ständen die beiden Atommächte möglicherweise am Rande eines Krieges. Es wäre nicht das erste Mal.
Indiens Geschichte – geschrieben mit Blut
So markierten der 26. und 27. November 2008 einen weiteren tragischen Eintrag in Indiens Geschichte. Eine Geschichte, geschrieben mit Blut, gesäumt von Kriegen und Konflikten und immer eng verknüpft mit dem Schicksal des westlichen Rivalen. Zunächst im 19. Jahrhundert besetzt durch skrupellose, britische Kolonialherren sorgte der gewaltlose Widerstand Mahatma Gandhis 1947 für die Unabhängigkeit des Landes und dessen Aufteilung in ein hinduistisch geprägtes Indien und den islamischen Staat Pakistan.
Anschließend stürzten sich die beiden Nachbarstaaten in drei erbitterte Kriege, die sowohl zur Abspaltung von Bangladesch, als auch zur Aufteilung der heftig umkämpften Kaschmirregion führten. Im kalten Krieg unterstützten
die USA, Pakistan und die afghanische Taliban im Kampf gegen die expandierende Sowjetunion, während sich in Indien ein Mob nationalistischer Hindus daran versuchte, die muslimische Minderheit aus ihrem Land zu vertreiben.
“Wir sind verwundbar…”
Die Anschläge von Mumbai stellen lediglich ein weiteres Teilstück in diesem großen Puzzle der gemeinsamen indisch-pakistanischen Vergangenheit dar. Das sieht auch der momentan in Mainz gastierende Professor Sukhwant Bindra, indischer Politikwissenschaftler und Experte auf dem Gebiet der indisch-pakistanischen Außenpolitik so. Rein optisch könnte Bindra, immerhin “Chair for India Studies“, ohne Probleme den klischeehaften, indischen Taxifahrer in einem zweitklassigen Hollywoodstreifen spielen.

Prof. Sukhwant Bindra:" USA sind Terroristen"
Er gehört der Religionsgemeinschaft der Sikhs an. Deren Erkennungsmerkmal ist ein besonders auffälliger Turban, meistens in Kombination mit einem ebenso auffälligen, wie prächtigen Vollbart – auch Indiens Premierminister Manmohan Singh gehört dieser religiösen Minderheit an.Unter dem Turban verbirgt sich jedoch ein wacher und besonders kritischer Geist.
In seinem Vortrag “Terror and Political Violence in India“ schilderte Bindra ausführlich die historischen, politischen und kulturellen Zusammenhänge, mit denen sich die Anschläge in Mumbai 2008 analysieren lassen können. Für ihn hängt die gemeinsame, engverflochtene Vergangenheit der rivalisierenden Staaten mit den Geschehnissen der Gegenwart zusammen: “Die kulturellen Konflikte innerhalb Indiens und der Dauerzwist mit Pakistan machen mein Land verwundbar“.
Die politische Situation in Indien gleiche einem Pulverfass, so Bindra. Die Instabilität in Pakistan verschärfe zudem die prekäre Gesamtsituation. An deren Zustand wären im Übrigen nicht nur die britischen Kolonialherren, nationalistischen Hindus in Indien oder die fundamentalistischen Islamisten in Pakistan schuld, sondern besonders auch die USA. Deren eigennützige Unterstützung für die Taliban hätte einen großen Teil zur gegenwärtigen Instabilität beigetragen: “Der größte Terrorist der Welt ist die USA”. Trotzdem ist es für ihn offensichtlich, dass der ISI die Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba unterstützt hat: “Die wussten mit Sicherheit davon.”
Rufe nach Vergeltung
Für einen Großteil der indischen Bevölkerung scheint das ebenfalls erwiesen.Die Rufe nach Rache werden in Indien
immer lauter, gleichzeitig sieht sich die Regierung in Pakistan nicht imstande die islamistischen Terrorgruppen im eigenen Land endlich in den Griff zu bekommen. Sowohl Pakistans Präsident Asif Ali Zardari, als auch Indiens Premierminister Manmohan Singh stehen bald Wahlen bevor und beiden droht die Ablösung.Noch versuchen beide auf gegenseitige Verständigung und Aufklärung zu setzten. Paksitan sandte sogar erstmals den Chef des ISI, General Ahmad Shuja Pasha, nach Neu-Dehli.
Dennoch zweifeln viele Inder an dessen Glaubwürdigkeit. Die hindu-nationalistische Partei BJP könnte sich deshalb im Zuge der aufkeimenden Vergeltungsrufe großer Beliebtheit erfreuen. Würde sich sowohl Zardari als auch Singh dem Populismus im eigenen Land ergeben, träge das wahrscheinlich nicht zur Stabilität in der Region bei. Die Konfliktlininen könnten sich verstärken. Auch der fast vergessene Streit um die geteilte Kashmirprovinz könnte dann wieder zum Spielball der Politik werden. Generell hält Prof. Bindra die Gefahr, dass sich ein weiteres, terroristisches Attentat in Indien wiederholen könnte für groß. Die Konsequenzen wären unberechenbar.



