Die mit nun schon acht Jahren sehr langlebige Vorlesungsreihe „Krankheit und Tod berühmter Persönlichkeiten“ beleuchtet „Leiden, die oftmals der Motor für eine besondere Kreativität waren“, wie Prof. Dr. Bhakdi erklärt, der die Reihe zusammen mit Prof. Dr. Hentschel am Uniklinikum Mainz organisiert. Am Montag den 08.12. war Prof. Dr. Just aus Freiburg zu Gast, um über „Wirken und Werk Immanuel Kants“ zu referieren. Als einer der „vier Weltweisen“ übte Kant eine ganz eigenartige Kunst zu leben, und vor allem lange zu leben, aus.
Verein für Wissenskultur

Unter den Gästen sind vor allem die Mitglieder des Vereins für Wissenskultur
Trotz der frostigen Temperaturen draußen, haben sich zahlreiche Gäste im Bau 205 der Uniklinik eingefunden. Doch aus Studenten besteht das Publikum ganz offensichtlich nicht – zu den Gästen gehören fast ausschließlich ältere Menschen.
„Die meisten hier sind vom Verein für Wissenskultur e.V.“ erklärt Frau Grünhage, die selbst seit etwa drei Jahren Mitglied ist. In einer Art Symbiose fördert der Verein die Vortragsreihe durch finanzielle Hilfe und partizipiert zugleich mit zahlreichen Gästen an den Vorträgen, was sich auch merklich auf die Stimmung auswirkt: Jeder Beitrag wird schallend beklatscht.
Klassiker und Freidenker
Wer eine wissenschaftlich-trockene Vorlesung erwartet hat, liegt definitiv falsch. Spätestens als aus den Lautsprechern klassische Musik abgespielt wird, gleicht der Vortrag einer Theatervorstellung. Um die Stimmung des 17. Jahrhunderts wiederzuspiegeln, werden Bach, Mozart und Beethoven aufgelegt.

Die vier Weltweisen aus japanischer Sicht: Sokrates, Konfuzius, Buddha und Kant (Gemälde von Bumaburo Watanabe).
Alle drei waren Zeitgenossen von einem der bedeutendsten Denker europäischer Geschichte. Emanuel Kant wurde 1724 in Königsberg geboren, wo er knapp 80 Jahre später auch starb. Was zunächst vielleicht wie ein Schreibfehler wirkt, ist vielmehr ein erster Beweis für Kants Freidenkertum: Als er in der Schule Hebräisch lernte, befand er „Emanuel“ als eine unzulässige Verkürzung und nannte sich fortan „Immanuel“.
Das logische und präzise Denken begleitete Kant bis in sein Alltagsleben hinein. Ein guter Freund, der englische Kaufmann Green, in dessen Gesellschaft auch die Kritik der reinen Vernunft entstand, stand ihm im minutiösen Denken in nichts nach. Wenn sie um Punkt 9 Uhr verabredet waren und Kant um zwei Minuten nach 9 eintraf, sah er nur noch die Kutsche Greens an sich vorbeirauschen.
Sein Motto, „Sapere aude“ (Wage zu denken!), praktizierte und vertrat Kant den Königen und Fürsten zum Trotz, denen insgesamt wenig daran gelegen war, den Menschen im Sinne der Aufklärung aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu entlassen.
Gesundes Denken

Kant im hohen Alter (Zeichnung von Hagemann).
Für einen gesunden Geist legte Kant schon damals Wert auf einen gesunden Körper. Was wir heute „Wellness“ nennen, lehnte er allerdings rigoros ab, da man den Körper nicht zu sehr verwöhnen dürfe. Die Diziplin die er seinem Körper abverlangte, äußerte sich in einem minutiösen Tagesablauf. Seine Vorlesungen zum Beispiel begannen immer um 7 Uhr morgens.
Einig wäre er sich mit der heutigen Gesundheitsforschung insofern gewesen, als er sehr viel Wert auf gesundes Essen legte – viel Gemüse, nicht zu viel Fleisch. Auch Humor durfte dabei nicht fehlen: Seine „Evakuationes“ (aus lat. evacuare = ausleeren) – von denen er mit Vorliebe am Esstisch sprach - waren nicht etwa Teil seiner philosophischen Hinterlassenschaft, sondern sein bevorzugter Begriff für Verdauungsbeschwerden.
Bis ins hohe Alter war er tatsächlich selten krank, obschon er immer sehr dünn und schmächtig gewesen war. Krankheit beschäftigte ihn trotzdem immer wieder, ja er litt geradezu unter Hypochondrie, was vor dem Hintergrund des noch immer bescheidenen medizinischen Fortschritts im 18. Jahrhundert sehr verständlich ist.
Cocktails für ein langes Leben

Professor Bhakdi am Pult und Hansjörg Just an der Tafel sinnieren über das Rezept für ein langes Leben.
Bei Kants Gesundheit bricht Prof. Just den Vortrag plötzlich ab und bittet Prof. Bhakdi auf die Bühne, um ihn nach seinem Rezept für ein langes Leben zu fragen. Zunächst jedoch stellt er seine eigene Mixtur vor: einen „Cocktail“ (alkoholfrei!) mit Folsäure, Vitamin C, E und B12, sowie Lycopin. Wichtig sei außerdem, dass dem Körper Stickoxide erhalten bleiben, wozu man L-Arginin brauche.
In Ergänzung dazu, so führt der Thailänder Bhakdi die Liste fort, brauche der Körper vor allem Bewegung – physische wie mentale. Eine wichtige Lehre des Buddhismus sei es außerdem keine Begierde zu haben. Den Körper im Sinne Kants nicht zu verwöhnen, bedeute dies allerdings nicht. Vor allem Sauna sei eine Wohltat für den Körper, die man sich leisten sollte, um die Abwehrkräfte zu stärken.
Schmunzelnd betont der schlanke Mann, dass der übliche Grenzwert zum Übergewicht beim BMI (Body Mass Index) mit 25 noch viel zu hoch angesetzt sei – angemessener wäre (s)ein Wert von 22,5.
Kants Tod
Aus den Lautsprechern des Hörsaals tönt nun Musik von Beethoven (hier: String trio in D-Major, Op. 8). Mit bewusst andächtiger Stimme weist Prof. Just darauf hin, dass man ja weiter machen müsse…
Immanuel Kant verfügte im 18. Jahrhundert noch nicht über eine solche Bandbreite an Gesundheitstipps. Mit fast 80 Jahren erreichte er aber ein besonders für damalige Verhältnisse hohes Alter. Krankheiten, die im Alter wohl unumgänglich sind, erreichten ihn erst relativ kurz vor seinem Tod. Doch schließlich wurde auch er gebrechlich, schlief mitten in seinen Vorlesungen ein. 1799, also mit 75 Jahren, hielt er seine letzte.
Am 12. Februar 1804 gegen 11 Uhr vormittags verstarb Kant in Königsberg, wo er fast sein gesamtes Leben verbracht hatte. Als man Erde über sein Grab schüttete, soll der Sarg wie hohl geklungen haben, so abgemagert muss er gewesen sein. Mag sein Körper auch so vergänglich wie der jedes anderen Menschen gewesen sein, hinterlässt Kant mit seinen Werken doch einen bleibenden Eindruck und Einfluss.
Auch der lebendige Vortrag, der an dieser Stelle endet, hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Die Mitglieder des Vereins für Wissenskultur sind ebenfalls sichtlich angetan. Am Montag, den 15.12. um 18 Uhr findet der nächste Vortrag der Reihe im Erbacher Hof statt. Im Mittelpunkt des Interesses wird Ludwig van Beethoven stehen und die Musik kommt dann sicher nicht nur aus Lautsprechern!
Schlagworte: Bach, Beethoven, Immanuel Kant, Mozart, Uniklinik, Verein für Wissenskultur e.V.