Von einer “Ambulanz für Spielsucht” werden die meisten Menschen wohl noch nie etwas gehört haben. Die erste Assoziation könnte wohl eher einer Folge der Ärzte-Comedy Scrubs – Die Anfänger entstammen, als der Realität: Werden dort womöglich Spielsüchtige mit rauchenden Köpfen eingeliefert und dank dramatischen Wiederbelebungsaktionen vor dem “game over” bewahrt? Aber nein, die Ambulanz für Spielsucht funktioniert fernab jeglicher Virtualität, wie das Interview mit Diplom-Psychologe Kai Müller veranschaulicht.
Eine Sucht des Computerzeitalters?
Spielsucht – und dazu zählen also auch Automaten- oder Casinospieler – ist ein Problem, das nicht nur Jugendliche betrifft, sondern auch (vorwiegend junge) Erwachsene. Man kann nicht leugnen, dass die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, die Computer und Internet uns heute bieten, ihren Beitrag zu dieser besonderen Art von Sucht leisten.
Die Voraussetzungen dafür haben sich erst in den letzten zehn bis 20 Jahren entwickelt: Erst mit entsprechend leistungsstarken Breitbandanschlüssen und Flatrates ist das Online-Gaming in flüssiger Form möglich und finanzierbar geworden. Auch der Umstand, das ein Computer mittlerweile zur Standard-Einrichtung im Zimmer eines Jugendlichen gehört, war früher nicht gegeben.
Der starke Auftrieb des Online-Gaming hat schließlich auch Modeerscheinungen wie das Pokern im Internet hervorgebracht, das in den letzten Jahren sämtliche Altersstufen oberhalb der Grundschule erfasst hat (wenngleich auch auf nicht-virtueller Ebene in Form von Poker-Sets).
Finanzielle…
Die Folgen von Spielsucht können der Vielfalt des Angebots entsprechend sehr unterschiedlich sein. Nicht immer ist Spielsucht mit direktem finanziellen Verlust verbunden. Online-Spiele, bei denen das Spielen kostenlos ist, gibt es zuhauf im Internet. Dennoch will sich nicht jeder mit Freeware begnügen, weshalb auch mal das gesamte Taschengeld für die Anschaffung eines Spieles herhalten muss, das man dann – in der Regel – ohne zusätzliche Kosten online spielen kann.
Um in Internet-Casinos mit Geld zu Pokern muss man ohnehin volljährig sein, was jedoch nicht davon abhält in Sucht zu verfallen oder in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Zumindest handelt man auf eigene Verantwortung und so suchen auch die meisten der jungen Erwachsenen die Ambulanz an der Uni-Klinik aus eigener Motivation auf.
…und soziale Folgen
Teilweise noch schlimmer als die finanziellen Folgen scheinen jedoch die sozialen zu sein. Um Sucht handelt es sich vor allem dann, wenn man sein soziales Netz oder gewisse Verpflichtungen wegen dem Spielen vernachlässigt. Es gibt bestimmte Spiele, die suchtfördernde Strukturen haben, für die einige Menschen stärker, andere weniger empfänglich sind. Wenn Spielen zur dauerhaften Flucht vor der nicht-virtuellen Lebenswelt wird, ist die Grenze zur Sucht überschritten.
Konstruktive Hilfe
Besonders wichtig ist es, weder Computerspiele zu verteufeln, noch die Spielsucht auf die leichte Schulter zu nehmen. Virtuelle Welten sind mittlerweile sogar ein wesentlicher Teil der Sozialisation von Jugendlichen; sie sind Freizeitbeschäftigung und Gesprächsstoff im Pausenhof. Strikte Verbote durch die Eltern sind hier absolut kontraproduktiv. Auch das Ziel der Ambulanz ist nicht etwa die Hände der Spielsüchtigen so fern wie möglich von Computern zu halten, vielmehr soll eine “dysfunktionale” Spielweise verhindert werden: Der Computer, bzw. das Spielen darf also Zeitvertreib, nicht aber Lebensmittelpunkt sein.
Rundum scheint die Therapie am Uniklinikum also ein voller Erfolg zu sein. Es bietet Hilfe, die – betrachtet man die bundesweite Situation – nicht selbstverständlich ist. In einer sich wandelnden Welt ist es notwendig auch neue, möglicherweise ungewohnte Krankheitsbilder zu erkennen und zu therapieren – umso löblicher, dass Mainz in dieser Hinsicht Vorreiter ist.
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