Die auf die weiße Leinwand projizierte Landkarte vom Gebiet des Irak fällt den Studenten, die am Montag Nachmittag in der Ringvorlesung Politik sitzen sofort ins Auge. Die Erwartungen an diesen Vortrag scheinen hoch, die Reihen sind voll besetzt. Jörg Armbruster, Leiter der Abteilung “Ausland und Europa“ beim Südwestrundfunk (SWR) wurde vor drei Jahren als deutscher Korrespondent im Irakkrieg eingesetzt. Als eingebetteter “embedded“ Journalist durfte er eine Woche lang die Einheiten der US-Marineinfanterie begleiteten. In seinem Vortrag “Embedded- Durch den Sehschlitz eines Panzers“ berichtet er von seinen Erfahrungen.
Die irakische Stadt Falludscha, westlich von Bagdad, galt im Jahr 2005 als Hochburg des sunnitischen Widerstandes, als Keimzelle und Hauptstadt der Terroristen. Mit ihren 50.- 70.000 Einwohnern war Falludscha die Stadt, die während der Kämpfe durch die zweimalige Belagerung der Amerikaner am häufigsten und am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wurde. Bis 2005 galt sie als “Saddam-treue“ Stadt. Zu jener US-Einheit, die Falludscha seit Monaten von der Außenwelt abriegelte, wollte er, sagt Jörg Armbruster. “Ich wollte herausfinden, wie es um diese Stadt steht“. Sein Interesse galt dem Leben, dem Denken und der Versorgung der Menschen in Falludscha. Doch als deutscher Korrespondent war er bei den Amerikanern anfangs nicht sehr beliebt.
Ground Rules- Verhaltensregeln für embedded Reporter
Lange hat es gedauert, bis Jörg Armbruster beim amerikanischen Militär akzeptiert wurde. Worauf diese Akzeptanz basierte, machte ihm der für ihn zuständige Pressecaptain deutlich. Das Hauptziel eines eingebetteten Reporters sollte sein, Fortschritte und Siege des US-Militärs vorzuführen, die Erfolge zu feiern. Ein ausgeklügeltes Kontrollsystem, eine Art News Management, gewährleistete, dass nur solche Nachrichten, die das Militär feiern, weitergegeben wurden. “Embedded“ meinte also die gezielte Auswahl und Steuerung von Nachrichten und Reportern. Die eingebetteten Journalisten mussten vor dem Antritt ihrer Arbeit im Irak so genannte “Ground Rules“, Verhaltensregeln, unterschreiben, die sie kontrollierbar machten. Jeglicher Verstoß gegen diese Regeln wurde hart bestraft.
Der embedded journalist- ein Komplize des Militärs?
Ohne den Schutz des Militärs zu recherchieren, war im Irak zu gefährlich, gibt Armbruster zu. Doch gerade dieses Problem sieht er als zentrales Argument gegen den eingebetteten Reporter. Im Kriegsgebiet war es den Journalisten nicht möglich, Auskünfte zu überprüfen. Fragen, die man sich stellte, konnten nicht alle beantwortet werden. Interviews mit Passanten waren nur möglich, wenn diese von den Einheiten mit Schusswaffen von den Journalisten ferngehalten wurden. “Sind in einer solchen Situation ehrliche Antworten möglich?“, stellt sich Armbruster die Frage. Äußerlich ähnelte er als embedded Reporter einem Soldaten, aber auch innerlich, so merkt er an, wird man durch die tägliche Nähe zu den Soldaten von einer Befangenheit erfasst, die Kritikäußerungen erschwert. “Machen sich dadurch Journalisten automatisch zum Komplizen der Militärs?“, fragt Armbruster in die Runde. Die einseitige Informationsversorgung gestalte eine wahrheitsgemäße Darstellung der Ereignisse in jedem Fall als äußerst schwierig.
Was aber will die Politik, was wollen die Medien?
Mit seinem Beispiel zum Falklandkrieg im Frühjahr 1982, in dem Großbritannien gegen Argentinien kämpfte, führt Armbruster in die Kriegsabsicht der Politik ein. Offensichtlich war der Krieg damals ein entscheidendes Instrument der Politik, das darüber entschied, ob in der Wahl zum neuen Unterhaus die damalige Premierministerin Margret Thatcher im Amt blieb oder nicht. “ Kein Krieg heute mehr ohne PR-Agentur“, meint Armbruster und stellt weiter fest, dass Kriege heute nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld stattfinden, sondern auch “in den Köpfen, und Kriege werden selbst nach einem Waffenstillstand fortgesetzt als Kampf um Medien und Meinungen“.
Die Medien wollen unabhängig, umfassend, ohne Zensur möglichst objektiv über den Krieg berichten. “Ist das möglich?“, fragt er die Studenten. In jedem Fall gelte: Die drei großen “K“, Krieg, Katastrophe, Krise, bringen Quoten und Auflagen. Besonders durch einen gesteigerten Anteil an jungen Leuten während der Kriegsberichterstattung würden die Quoten und Auflagen erhöht. Ist man bei den deutschen Medien gegenüber eingebetteten Reportern eher kritisch, so sehen amerikanische Medien den embedded journalist als “einen verlängerten Arm der Propaganda des US-Militärs“.
Krieg in Echtzeit ins Wohnzimmer bringen
Was können die embedded Journalisten in ihrem Medium leisten? Diese Frage stellt sich der Journalist vom SWR und hält die Antwort nicht länger zurück. Durch die neuen Übertragungstechniken sei es heute möglich, den Krieg “in Echtzeit“ ins Wohnzimmer zu bringen. Selten seien die Informationen eines embedded Reporters aufklärend, öfter aber hätten sie einen extrem hohen Unterhaltungswert, da der Zuschauer das Gefühl bekomme, im Krieg dabei zu sein, mitten im Geschehen zu sein. Dieser Unterhaltungseffekt werde verstärkt, je mehr der embedded journalist Ereignisse stark personalisiert, Soldaten zu Helden macht.
“Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr groß“, zitiert Jörg Armbruster Friedrich Nowotny am Ende seinen Vortrags, argumentiert aber weiter: “Wenn die Alternative totale Blindheit ist, muss man sich gelegentlich auf ein eingeengtes Blickfeld einlassen“. Durch die starke Kontrolle des Militärs könne ein embedded Reporter nicht alle Fragen beantworten, manche jedoch schon. Für Armbruster spricht insgesamt wenig für die “Embedded-Methode“, außer man setzte sie dann ein, wenn sie tatsächlich zu neuen Erkenntnissen führe, die man durch andere Recherchemöglichkeiten nicht bekommen könne.
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