Herzlich Willkommen Horst! – Das Spiegel-Gespräch in der Mainzer Uni mit Bundespräsident Horst Köhler

By deniseha
Ausnahmezustand an der Mainzer Uni

Ausnahmezustand an der Mainzer Uni

Ausnahmezustand herrschte vergangenen Montag im Haus Recht und Wirtschaft (ReWi) an der Mainzer Universität. Rund um das Gebäude der Fachbereiche Wirtschaftswissenschaften und Jura zierten rot-weiße Absperrseile die Geländer, rheinland-pfälzische Polizeibeamte in noch braun-grünen Uniformen und Personenschützer sicherten die Umgebung ab. Anlass hierzu gab das SPIEGEL-Gespräch der Redakteure Martin Doerry, stellvertretender Chefredakteur beim SPIEGEL, und Jan Fleischhauer, mit dem deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler zum Thema “Wie politisch ist das Amt des Bundespräsidenten?“.

Bereits um 15.30 Uhr war das Foyer des ReWi mit Studenten unterschiedlicher Fachbereiche prall gefüllt. Vor den beiden Eingängen zum Hörsaal RW1, in dem das Gespräch live verfolgt werden konnte, warteten die Studenten in Meter langen Schlangen, die sich quer durch das Gebäude zogen, auf den Einlass. Eine Viertelstunde später öffneten die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes die Türen. Wer die Personenkontrolle durchlaufen hatte erhielt seine Eintrittskarte mit der Platznummer im Hörsaal. Um kurz nach fünf war der RW1 voll besetzt mit insgesamt 1000 Studenten, Presseleuten und geladenen Gästen.

“Ich würde mich ärgern, wenn es das jetzt irgendwo als Livestream gäbe“2runde-2008-035

Diejenigen Studierenden, die kurz vor dem Eingang abgewiesen wurden, als das Sicherheitspersonal die Türen zum überfüllten RW1 zuzog, versammelten sich im Foyer vor der aufgestellten Leinwand, auf der das Gespräch “fast live“ übertragen wurde. Auch hier, dicht gedrängt um das “Objekt der Begierde“, konnte sich eine sichtbar gemütliche Wohnzimmeratmosphäre unter den Studentinnen und Studenten erst spät einstellen. Wer keinen Sitzplatz auf einem der Caféteriastühle oder auf dem Boden vor der Leinwand ergattern konnte, musste die ganze Zeit über stehen. „Ich würde mich ärgern, wenn es das jetzt irgendwo als Livestream gäbe“, scherzte ein Student, der dicht gedrängt inmitten seiner Kollegen das Gespräch stehend verfolgen musste. Als „nicht für diese Jahreszeit geeignet“ empfand eine Studentin das Uni-Event, das doch viel mehr Befürworter im Sommer als Freiluft-Ereignis finden würde, bei einer „richtigen großen Leinwand“.

Standing Ovations und „Herzlich Willkommen in Mainz

Pünktlich um 17.30 Uhr wurde die Veranstaltung von Professor Dr. Georg Krausch, Präsident der Universität Mainz, eröffnet. Mit seinem glitzernden Faschingsorden über dem Anzug begrüßte der stolze Mainzer den Bundespräsidenten Horst Köhler mit einem kurzen historischen Überblick zur Entwicklung der Mainzer Universität, die heute zu den zehn größten Hochschulen in Deutschland gehört. Als „dynamische, moderne Universität“ sei Mainz ein „Ort des gelebten interkulturellen Dialogs“, so Krausch. Im Anschluss gaben die Moderatoren des Abends, die SPIEGEL-Redakteure Martin Doerry und Jan Fleischhauer auf der Tribüne des RW1 den “offenen Schlagabtausch“ frei. Das SPIEGEL-Gespräch mit dem Bundespräsidenten war eröffnet.

Martin Doerry, stellvertretender Chefredakteur beim SPIEGEL

Martin Doerry, stellvertretender Chefredakteur beim SPIEGEL

„Herr Bundespräsident, was sagen Sie zu…“

Die erste Frage galt der Finanzkrise und der aktuell diskutierten Rettung des Autobauers OPEL in Rüsselsheim. „Die Autobauer müssen die momentane Durststrecke überwinden und sollten dafür auch Hilfe zugesichert bekommen“, so Köhler. Wo man aber an dieser Stelle die Grenzen setzte, wollte Doerry wissen. Insgesamt sprach sich der Bundespräsident für eine makroökonomische Stabilisierung der Wirtschaft aus, bei der die Frage der persönlichen Haftung neu gestellt werden müsse. „Es kann nicht sein, dass die, die alles verzocken, am Ende mit viel Geld gehen“, stellte Köhler fest. Die Freiheit des Marktes müsse sich auch immer in sozialer Verantwortung binden und als Konzept durchgesetzt werden. Er forderte die Vorstände der Unternehmen auf, sich mehr am öffentlichen Diskurs zu beteiligen.

Gelockert wurde die streng politische Stimmung durch einen persönlichen Bericht Köhlers von den Winzern im Aartal, die er erst kürzlich besucht hatte. „Die haben keinerlei Probleme, der Weinabsatz ist prima“, erklärte er. „Alkohol läuft immer gut in der Krise“, konterte Doerry scherzhaft und sorgte damit für Heiterkeit im Saal.

„Wir müssen die Krise nutzen“

Ganz klar sprach sich der Bundespräsident für die Entwicklungshilfe aus. Man brauche ein politisches Modell, das nicht nur den Wohlstand der Industrieländer sichere, sondern auch Verbesserungen in den anderen Ländern hervorrufe. Er forderte auf, die Wirtschaftskrise zu nutzen, um global tätig zu werden und vor allem Afrika mehr Interesse entgegenzubringen. „Wenn wir alle Entwicklungen in Afrika passieren lassen, dann untergraben wir unsere eigene Glaubwürdigkeit“, betonte Köhler mit Verweis auf den Hunger und die Armut in den afrikanischen Ländern.

Von der “Responsibility to protect“ oder man lässt es laufen

Als “unglaubwürdig“ bezeichnete Köhler das UN-Mandat am Beispiel des Kongo-Einsatzes. Die UN-Soldaten dürften sich nur selbst schützen und müssten zusehen, wie unschuldigen Menschen Gewalt angetan wird. Hier, so Köhler, müsse man endlich Farbe bekennen und einsehen, dass nur mit militärischer Unterstützung geholfen werden kann. Entweder man trage die “responsibility to protect“ oder man lasse es laufen, doch dann fiele es irgendwann auf einen selbst zurück. Dass er nicht kriegslüstern klingen möchte, das wollte er dennoch klarstellen.

„Ich will trotzdem die Mehrheit“

Bundespräsident Horst Köhler im Gespräch

Bundespräsident Horst Köhler im Gespräch

Dass sich nächstes Jahr im Mai noch zwei andere Kandidaten zur Wahl des Bundespräsidenten stellen, findet Köhler „für eine Demokratie in Ordnung“, er will aber „trotzdem die Mehrheit“. Spaß bereite ihm die Arbeit und er fühle sich tief in der Pflicht, dem Land weiterhin etwas zu geben. Auf die letzte Frage, was er in einer weiteren Amtsperiode anders machen würde, scherzte Köhler nur: „ Ich kann doch jetzt nicht öffentlich meine Fehler bekennen, vor der Wahl. Momentan soll doch noch der Eindruck erweckt werden, dass man es besser gar nicht machen kann“.

Nach einer Stunde erhielten die im Saal anwesenden Studierenden die Möglichkeit ihre Fragen an den Bundespräsidenten zu stellen, wobei dieser immer wieder mit seinem auffallend guten politischen, wirtschaftlichen und besonders geschichtlichen Wissen punkten konnte. Sympathien erntete er wohl auch mit seinen Erzählungen zu seiner Studienzeit, die er als Sohn einer bildungsärmeren Familie selbst finanzieren und schnell hinter sich bringen musste.

Positive Resonanz bei den Studierenden

„Das war gut, eine super Sache, so was sollte es öfters geben“, schwärmte Sebastian (24, Wirtschaftspädagogik) nach dem Gespräch. Anne (18, Abituranwärterin) ist extra an die Universität gekommen, um mit ihrem Freund das Gespräch zu verfolgen. Sie konnte das Ereignis zwar nur auf der Leinwand betrachten, fand es aber „sehr interessant, obwohl es eigentlich nicht ganz am Thema war“.

Das SPIEGEL-Gespräch wurde von dem Ereignis- und Dokumentationskanal PHOENIX aufgezeichnet und kann unter http://bibliothek.phoenix.de/videobeitrag,239.html angeschaut werden.

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