Mein Chemielehrer – konfrontiert mit drei schwarz gewandeten Schülern mit Vogelnestern auf den Köpfen, die zu spät zum Unterricht kamen, begründete es so: „Wir waren damals wenigstens noch bunt!“, Frank Zappa fasste es so zusammen: „I’m completely stoned, I’m hippy and I’m trippy, I’m a gypsy on my own, I’ll stay a week and get the crabs and take a bus back home“. Aber werden diese Einschätzungen der Faszination gerecht, mit der wir die 68er-Generation auch heute noch betrachten? Was hebt sie von all den anderen Protestbewegungen ab, die sich über die Jahrzehnte gebildet und wieder zersetzt haben? Was bringt 40 Jahre später ebensoviele Studenten der Uni Mainz dazu, zahllose Nachmittage dafür zu opfern, mit dem Musical „Hair“ einen Meilenstein der 68er-Kultur nachzuspielen?
Es wäre sicher zu kurz gegriffen, nur auf die schrille Mode, freie Liebe, die Musik und den Reiz des Drogenkonsums zu verweisen – alles Themen, die in den Werkeinführungen zum Musical „Hair“ auf dem Campus ausführlich behandelt wurden. Doch keiner der Dozenten vermochte das Publikum so in die Zeit der Hippies zurückzuversetzen, wie das der Musicalcrew scheinbar völlig mühelos gelang. Der Eindruck, der sich aus der Kombination von Vorträgen und Aufführung ergab, war vor allem der, dass sich die Anziehungskraft der 68er-Bewegung der wissenschaftlichen Analyse entzieht.
Wer also am 6. und 7. Juni nicht die Gelegenheit hat, sich an der Showbühne Mainz bei den letzten beiden Aufführungen von „Hair“ auf eine Zeitreise ins Jahr 1968 mitnehmen zu lassen, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich über Zeitzeugen ein Bild von jener Zeit zu verschaffen, die auch im 21. Jahrhundert noch die Gemüter bewegt. Viel Aufmerksamkeit wurde der Beschreibung von Hunter S. Thompson in seinem Roman „Fear and Loathing in Las Vegas“ zuteil:
„Funken schlagen konnte man überall. Und es herrschte dieses fantastische universale Gefühl, alles, was wir taten, sei richtig. Keine Zweifel, wir würden gewinnen. Und das, glaube ich, war der Haken – dieses Gefühl, der Sieg über die Kräfte des Alten und Bösen sei unausweichlich. Ein Sieg, ganz und gar nicht auf niederträchtige oder militante Weise: Das hatten wir nicht nötig. Unsere Energien würden sich ganz einfach durchsetzen. Es hatte keinen Zweck zu kämpfen – weder auf unserer noch auf ihrer Seite. Hinter uns stand die Naturgewalt; wir ritten auf dem Kamm einer hohen und wunderschönen Welle“.