„HAIR“ – Von ungepflegten Haaren zu Drogen, Androgynität und politischem Sex

By simonejaeger

Vom 23. Mai bis zum 3. Juni 2008 wurde das Musical „HAIR“ an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz aufgeführt. Anlässlich der Aufführung am 30. Mai gab Univ.-Prof. Dr. phil. Winfried Herget vor Beginn des Musicals eine Werkseinführung im Forum des Hörsaals P1. In seinem Vortrag sprach er über die Schock-Kultur der Hippies, ihre Wurzeln und Facetten sowie die politische Wirkung dieser Bewegung. 

Das Musical „HAIR“ steht für die Bewegung der Hippie-Kultur und verkörpert das Lebensgefühl der 1960-er Jahre in Amerika. Die Uraufführung von „HAIR“ fand 1967 in New York statt; am Broadway wurde es erstmalig 1968 aufgeführt. Danach verbreitete sich die Nachricht vom Musical mit dem kulturellen Schockpotential wie ein Lauffeuer und die Nachfrage nach Auftritten stieg rasant an. Das, wovon „HAIR“ handelte, war brandaktuell und der Stoff des Stückes war keineswegs fiktional, sondern so real wie das Leben der Protestkultur dieser Zeit.

Die Szenerie eines Generationenkonflikts: Protest, Drogen und Gewalt
Prof. Herget eröffnete seinen Vortrag „Die Protestkultur der Babyboomers – zwischen Bürgerschock und utopischem Potential“ mit einer kleinen Anekdote, die einen Einblick in die Situation der damaligen Zeit gab: Er hatte Karten zur ersten Aufführung von  „HAIR” in Boston. Diese wurde jedoch von der katholischen Kirche verboten – nicht zuletzt wegen der Aktszene am Anfang des Stückes und den „deutlich blasphemischen Zügen“, die sich durch „HAIR“ wie ein roter Faden ziehen. Die Anhänger der Hippie-Kultur protestierten gegen dieses Vorgehen und verriegelten am Harvard Square in Cambridge, Massachusetts, die Fensterscheiben mit Sperrholz. Von beiden Seiten gab es Gewalt, wobei die Polizei um einiges brutaler vorging. Aber nicht nur Protest und Gewalt standen auf der Tagesordnung, sondern auch ein Drogenmissbrauch in übertriebenem Maße: Auf dem Cambridge Common war schon aus großer Entfernung eine Dunstwolke zu erkennen und sobald man sich dieser näherte, war es unmöglich, den süßlichen Geruch von Marihuana, welcher in der Luft lag, nicht wahrzunehmen.
 
Die Protestkultur der 1960-er Jahre hat ihre Wurzeln in der Generation der Babyboomers, die zwischen 1946 bis 1964 geboren wurde. Hierbei handelt es sich um ca. 46 Mio. Menschen, die in einer spezifischen Umgebung der Nachkriegsgesellschaft in Suburbs aufwuchsen. Als Werte hielten sie Anständigkeit, ein geregeltes Leben, Wohlstand der Eltern und Zufriedenheit hoch. Die Mutterrolle dominierte über die väterliche Rolle; der Vater war allenfalls zum Arbeiten bestimmt. Gegen diesen „Quasi-Wohlstand“ richtete sich die dort behütet aufgewachsene Generation: Die Bewegung der Hippies war im Grunde ein Generationenkonflikt – um nicht zu sagen, der Generationenkonflikt überhaupt. Denn etwas Vergleichbares gab es danach nicht mehr in der Geschichte der USA.

Die Elemente der Schock-Kultur und ihre Wirkung
Die Inhalte der Hippie-Kultur kreisten um zwei Pfeiler: Erstens, nicht wie die Eltern zu sein, und zweitens, nicht wie die Eltern zu leben. Diese Grundsätze fanden ihren Ausdruck in zahlreichen Verhaltensänderungen: Der ordentliche, junge Mann wurde abgelöst durch denjenigen, der langes und ungepflegtes Haar trug, dazu meist noch ein Haarband, was die Konventionen der damaligen Zeit völlig sprengte. Auch die Kleidung wurde bewusst unordentlich gewählt, frei nach dem Spruch: „Besser ein sauberes Gewissen als einen sauberen Hals zu haben.“ Die Frauen erfreuten sich an der Befreiung von Büstenhaltern und der Konsum von Bier wurde durch die Drogenkultur abgelöst. Die Mode veränderte sich auch weit unterhalb der Gürtellinie: Plötzlich fehlten die Schuhe – man lief stattdessen barfuß. Der Hang zur Androgynität führte zu einer Vermischung von ursprünglich männlichen und weiblichen Attributen in Kleidung, Aussehen und Verhalten. Außerdem trugen die Anhänger der Protestbewegung die kleine rote Bibel bei sich. Die Maoistische Bibel galt als Zeichen des Protests und richtete sich gegen alles, was die Gesellschaft damals hochhielt. Der Folk-Song erlebte seine Renaissance, wobei das Ganze durch das Medium Fernsehen unterstützt wurde. Als letztes bedeutendes Gesicht der Hippie-Kultur lässt sich die „Free Love“, die freie Liebe, herausstellen.

Die Bewegung der Hippies mündete in eine deutliche Veränderung der Sexualität: Herbert Marcuse deklarierte 1964 in seinem Buch „One Dimensional Man“, dass die Repression der Sexualität zur Repression in anderen Bereichen führen würde. In diesem Sinne galt die Sexualität zunächst als Trieb, der ohne jegliche Einschränkung ausgelebt werden sollte. Darüber hinaus glaubte man, dass in der Erfahrung der Sexualität die tiefere Erfahrung der Wirklichkeit läge. Unter dem Slogan „Make Love not War“ wurde die Sexualität als politischer Akt proklamiert. Ab 1965 wurde die Pille für Frauen allgemein zugänglich, was definitiv als ein Meilenstein dieser Zeit anzusehen ist.

Von der Politisierung zum utopischen Potential der Bewegung 
Bei einer reinen Schockwirkung blieb es allerdings nicht, sondern die Bewegung geriet in politische Bahnen und führte zu einem „erstaunlichen Engagement“ der Hippie-Anhänger, so Prof. Herget. Bislang galten die Amerikaner immer als Überflussgesellschaft – jetzt wurde publik, dass es auch eine breite Masse gab, die arm war. Bis 1960 wussten die meisten Amerikaner nicht, dass es hellhäutige Arme überhaupt gab. Zudem engagierten sich die Hippies in der Bürgerrechtsbewegung. „Weiße“ Babyboomers fuhren in den Süden, um den „Schwarzen“ Beistand zu leisten. Des Weiteren setzten die Protestanhänger die Befreiung vom Einzug in den Vietnamkrieg für Studenten durch. Doch es blieb nicht bei den politischen Einsätzen vor Ort, sondern es kristallisierte sich ein unglaublich starkes utopisches Potential in der Bewegung heraus: Man wollte eine gerechte und für alle Bürger freie Gesellschaft schaffen sowie ein neues Gemeinschaftsgefühl in einer neuen Gesellschaft – „Frei von Repression und Aggression“ – begründen. Die Unterdrückung jeglicher Art sollte in Zukunft weder möglich noch nötig sein.

Die Hippie-Kultur führte also eine politische Komponente mit einer idealistischen zusammen. Aus der heutigen Sicht blicken die damaligen Babyboomers nostalgisch auf die 1960-er Jahre zurück. Denn die Werte dieser Zeit wurden in der folgenden Dekade durch absolute Gegensätze abgelöst: Es galt nicht mehr „beautiful together“, sondern „jeder für sich, so schnell und so gut es geht“. In den 1970-er Jahren ersetzte der Karrieretyp die Gemeinschaft der Hippies. Das, was das Musical „HAIR“ macht, ist nicht mehr und nicht weniger als die Werte der Protestkultur der Hippies aufzuheben und in ästhetisch symbolischer Weise zu konservieren.

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