Tanz der Kulturen

By jreda

Am morgigen Donnerstag, den 22. Mai, finden in 39 Staaten des euromediterranen Raums Veranstaltungen zum Dialog der Kulturen statt. Neben Vorträgen finden sich auch Kunstausstellungen, Konzerte und Filmvorführungen in dem Programm, das von der Anna Lindh Stiftung für den Dialog der Kulturen ins Leben gerufen wurde. Auch das Zentrum für interkulturelle Studien (ZiS) an der Johannes-Gutenberg-Universität hat sich schon am Vorabend mit der Dialogue Night an dem Projekt beteiligt – einer Diskussionsrunde zum Thema offene und dynamische Kulturkonzepte. Ina Zukrigl-Schief, Ethnologin und Koautorin des Buches „Tanz der Kulturen“, erläuterte in ihrem Vortrag die Wichtigkeit eines neuen, dynamischen Kulturbegriffes.

Die Relevanz des kulturellen Dialoges in einer globalisierten Welt zeigt sich schon durch unsere Alltagserfahrungen. Immer mehr Menschen befinden sich täglich im kulturellen Dialog, sei es auf dem Campus, an der Dönerbude oder im Freundeskreis. Verschiedene Kulturen erlangen immer mehr Berührungspunkte, was zu gegenseitiger Bereicherung und Verschmelzung oder auch zum Konflikt, zum Clash of Civilizations, führen kann, wie der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington ihn beschworen hat. Gegen dessen Kulturbild, das sich vor allen Dingen an ethnischer Zugehörigkeit festmacht und Kultur als ein statisches Konstrukt sieht, das der Abgrenzung von Gegnern und Feinden dient, wendet sich Frau Zukrigl-Schief in ihrem Buch.

Dem Kulturbild Huntingtons stellt sie die Annahme gegenüber, dass Kultur ein dynamischer Prozess sei, die Globalisierung somit auch weder zu einer reinen Verhärtung der Fronten führe, noch eine globale Amerikanisierung kulturelle Unterschiede einebnen werde. Sie illustriert dies anhand von Studien zur Handynutzung, die belegen, dass trotz der weltweiten Verbreitung der gleichen Technologien diese in verschiedenen kulturellen Kontexten sehr unterschiedlich eingesetzt werden. So empfinden z.B. viele Jamaikaner die Handynutzung als Stressminderung, da in ihrem Umfeld funktionierende öffentliche Telefone keine Selbstverständlichkeit sind und Kommunikationsmangel sehr viel eher als Stress empfunden wird als Zeitknappheit. Durch die Wichtigkeit sozialer Netze versteht man in Jamaika Armut gemeinhin als Mangel an sozialen und familiären Kontakten.

Frau Zukrigl-Schief sieht außerdem neben dem Konfliktpotential in kulturellen Begegnungen einen Prozess der Kreolisierung – das heißt, dass aus der Begegnung etwas Neues, eine Mischform, entsteht, die ihrerseits wieder identitätsstiftend wirken kann und sich weiterentwickelt. Sie geht sogar so weit, zu sagen, dass alle Kultur künstlichen, konstruierten Ursprungs sei und man deshalb neu auftretende kulturelle Erscheinungen nicht als weniger authentisch ansehen dürfte als Kulturen mit langer Tradition. Kultur ist also nicht nur, was seit Generationen in einer ethnischen Gruppe weitergegeben wird, sondern alles, womit sich Menschengruppen identifizieren und das sie mit Inhalten zu füllen bereit sind. So entwickeln nicht nur Volksgruppen Kultur, sondern auch Studenten, Blogger oder Biker, wenn diese sich zusammenfinden und aus der Gruppenzugehörigkeit ihre Identität schöpfen. So ist jeder Mensch Teil von zahlreichen Kulturkreisen, die miteinander agieren und sich im Fluss befinden – ein Kulturverständnis, das zwar keine Konfliktfreiheit suggeriert, aber den Umgang mit kulturellen Phänomenen, die über ethnische Grenzen hinausgehen, überhaupt erst ermöglicht.

Homepage des Zentrums für interkulturelle Studien

Weitere Veranstaltungen der Dialogue Night

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