Was „Vertrauen und Gewalt“ mit Faust zu tun haben
Die unter der Leitung von (Prof. Dr. Dr. H.C. Mult.) Jan Philipp Reemtsma geführte Vorlesungsreihe über die Problematik von „Vertrauen und Gewalt“ aus sozial- und literaturwissenschaftlicher Sicht geht bereits in die vierte Runde. Grund genug, mal einen näheren Blick auf diese zu werfen.
„Des Lebens Pulse schlagen frisch, lebendig ätherische Dämmerung milde zu begrüßen; Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig und atmest neu erquickt zu meinen Füßen, beginnest schon mit Lust mich zu umgeben, du prägst und rührst ein kräftiges Beschließen, zum höchsten Dasein immer fort zu streben.“
Mit diesem Ausschnitt aus Johann W. von Goethes berühmtem Faust eröffnete Jan Philipp Reemtsma die zweite Vorlesung der Johannes-Gutenberg-Stiftungsprofessur 2008 zum Thema „Vertrauen und Gewalt“. Die Vorlesungsreihe, welche durch private Mittel der „Freunde der Universität Mainz e. V.“ unterstützt wird, richtet ihre Betrachtung auf ein Interesse an den weichen Mechanismen sozialer Bindung und Kohäsion. Somit soll das Phänomen der Gewalt nicht in Bezug zu Macht und Herrschaft, sondern zu Vertrauen beleuchtet werden.
Dementsprechend wird die Beantwortung der Frage, welche Charakteristika soziales Vertrauen einerseits und Gewaltmisstrauen andererseits umfassen, angestrebt. Dazu sollen jene mit dem Vorkommen von Gewalt im 20. Jahrhundert in Beziehung gesetzt und das Prinzip des Zusammenhalts in der Moderne erörtert werden.
Doch wieso dann ein Zitat von Faust? Der festen Überzeugung Reemtsmas folgend, ist die Soziologie allein nicht in der Lage, diese Sachverhalte ausreichend zu erklären. Deshalb fließen neben der soziologischen Sichtweise auch psychologische, literaturwissenschaftliche und philosophische Elemente in die Betrachtung ein. Dies schafft der mehrfach mit Preisen bedachte Literatur- und Sozialwissenschaftler, Autor und Kritiker in einer einstündigen Vorlesung mit anschließendem Kolloquium scheinbar mühelos: Es fallen Namen bedeutender Soziologen und Philosophen von Luhmann über Hume bis Wittgenstein und deren intellektuelle Erkenntnisse zu Aspekten wie Vertrauen und Gewohnheit, Aktivismus, Misstrauen, Zuversicht und Zweifel. Dies alles unterlegt Reemtsma mit beispielhaften Verdeutlichungen wie der Gewaltkultur der Azteken, Zitaten aus Goethes Beschreibung des Jahrhunderterdbebens in Lissabon Ende des 18. Jahrhunderts oder der antiken Geschichte der Antigone. Durch diese stilistische Durchmischung reißt die geistige Teilnahme des Hörers trotz des eher „trockenen“ theoretischen Unterbaus nicht ab und die Vorlesung behält ihren Spannungsbogen bei.
Ob die stilistisch durchmischte Art der Vorlesungsreihe sich auch in anderen universitären Bereichen in Mainz und der übrigen akademischen Welt niederschlägt, bleibt demnach zu wünschen, ist doch neben dem wissenschaftlichen Gewinn einer solchen Veranstaltung auch für die nötige intellektuelle Unterhaltung gesorgt.
Von Benjamin Kashlan
Schlagworte: "Vertrauen und Gewalt", Gewalt, Jan Philip Reemtsma, Stiftungsprofessur 2008, Vertrauen, Vorlesungsreihe
