Transsylvanien erleben - Das Day-Old Theater brachte Graf Dracula ins Philosophicum
An der ehrwürdigen Johannes Gutenberg-Universität zu Mainz gehen seltsame Dinge vor sich: Die Anzahl der Menschen, denen man am Tage begegnet, schwindet scheinbar mit jedem Sonnenaufgang und diejenigen, die sich bei Tageslicht zeigen, führen Kruzifixe bei sich und müffeln kräftig nach Knoblauch. Man munkelt über die Existenz einer mysteriösen Gruft unter den Mauern des Philosophicums…
Das Day-Old Theater existiert an der Mainzer Universität bereits seit Ende 1991 und führte 1992 mit „An American Dream“ von Edward Albee sein erstes Stück auf. Bis zum vergangenen Jahr hat es die unabhängige Theatergruppe auf stolze 20 Bühnenspiele gebracht. Dieses Jahr folgten mit „The Importance of Being Earnest“ von Oscar Wilde und „Dracula“ von Hamilton Deane und John L. Balderston die Nummern 21 und 22.
Die Faszination rund um Graf Dracula aus Transsylvanien, einem Gebiet im heutigen Rumänien, ist bis heute ungebrochen. Bram Stoker schuf die Romanfigur im Jahr 1897 nach einem realen Vorbild, dem Fürsten und Feldherren Vlad III Draculea, dessen Vater „Dracul“ genannt wurde. Dracul bedeutet aus dem Rumänischen übersetzt so viel wie „Der Teufel“ und Draculea „Sohn des Teufels“. Dem Sohn des vermeintlich Gehörnten wurde äußerste Grausamkeit nachgesagt, wie zum Beispiel das Aufspießen beziehungsweise Pfählen seiner Feinde bei lebendigem Leib. Stokers Dracula war der erste Vampirroman der Literaturgeschichte, erschien in unzähligen Auflagen und Übersetzungen und wurde in mehr oder weniger dichter Anlehnung an das Buch etwa 30mal verfilmt, wobei die Dracula-Darsteller von Max Schreck über Bela Lugosi, Klaus Kinski und Christopher Lee bis hin zum parodistischen Spiel von Leslie Nielsen in „Dracula – Tot aber glücklich“ von Mel Brooks reichen.
Starker Kaffee macht nachts wachsam
Wer vor dem Öffnen des Vorhangs einen Blick ins Programmheft des Day-Old Theaters wirft, bekommt den Hinweis „a play for people who like their coffee strong“. Für den Autor dieses Artikels war dies schon fast Grund genug, sich in die Tiefen des Philosophicums zu begeben. Im Vorfeld war etwas Skepsis angebracht, ob im Hörsaal P1 tatsächlich so etwas wie eine „transsylvanische“ Atmosphäre entstehen kann, doch am Ende kann gesagt werden, dass ein Ort, der immer wieder zahlreichen Studenten das Fürchten lehrt, für die Gräueltaten des Grafen Dracula wie geschaffen ist. Die gruftartige Atmosphäre ist nicht zuletzt der Lichtinszenierung von Dagmar Noll und dem von Stefanie Bauer gesteuerten Sound zu verdanken. Das zwischendurch immer wieder eingespielte Hundegejaule tut ihr Übriges, damit man sich in die Welt der blutdurstigen, spiegelbildlosen Vampire einfühlt.
Die erste Theaterfassung von Dracula stammt von Hamilton Deane aus dem Jahr 1925 und feierte in Derby seine Premiere. John L. Balderston bearbeitete es für den amerikanischen Markt und brachte es zwei Jahre später in New York zum ersten Mal auf die Bühne, schon damals übrigens mit dem späteren Filmdarsteller Bela Lugosi. Das offensichtlich Ungewöhnliche an der Fassung der Mainzer Studenten ist, dass entgegen dem weit verbreiteten Weltbild, dass nur Männer zu wirklich barbarischen Taten imstande seien, die Hauptrolle nicht vom bösen schwarzen Mann, sondern von der bösen, schwarzen Frau besetzt wurde. Carolin Haas – siehe auch das Interview in diesem Blog – verkörpert Count Dracula derart Furcht einflößend, dass manch ein Theaterbesucher nach dem Stück vermutlich nicht alleine durch die Nacht nach Hause laufen wollte.
Zwischen den Kreuzen
Zur Handlung des Bühnenspektakels: Bevor Dracula in London auf seinen Beutezug gehen kann, ziehen zunächst ein paar Jahrhunderte ins Land, da der Graf auf die Erfindung des Flugzeugs wartet, um von den Karpaten problemlos überall nach Europa gelangen zu können, innerhalb von nur einer einzigen Nacht. Zeit
zu warten hatte der Graf zwar genug, doch nach all den Jahren sehnt er sich nach einer Braut und seine Wahl fällt auf Lucy Seward (gespielt von Lisa Pfiester). Als ihr Vater (Felix Kaloianis), seines Zeichens Psychiater in einer Nervenheilanstalt in der Nähe von London, bemerkt, dass seine Tochter etwas blutleer wirkt, bittet er Professor Abraham van Helsing um Hilfe. Der Spezialist für mysteriöse Krankheiten weiß natürlich sofort, was los ist und die zwei roten Punkte an Lucys Hals nehmen ihm auch die letzten Zweifel. Der von Sven Langensiepen verkörperte Vampirjäger versucht nun, bewaffnet mit Kruzifix, Holzpflock, Knoblauch und Weihwasser, gemeinsam mit Doktor Seward und Lucys Verlobtem Johnathan Harker (Stefan Broscheit) Dracula zu zerstören. Dies ist natürlich kein leichtes Unterfangen, da sich der Graf nicht nur dem Verstand des ohnehin schon Verwirrten Renfield bemächtigt, sondern sogar Lucys Hausmädchen (Caroline Stöss) hypnotisiert, das Lucy eigentlich beschützen sollte. Renfield, dessen Charakter von Ralf Keinath gekonnt durch den Wahnsinn von Besessenheit und Verwirrung manövriert wird, öffnet dem Grafen viele Türen, da ihm dieser das ewige Leben versprochen hat. Am Ende siegt selbstverständlich das Gute, als Dracula zwischen den Kreuzen von Doktor Seward, van Helsing und Harker gestellt wird, nicht mehr fliehen kann und sich beim ersten Sonnenstrahl in Rauch auflöst.
Alle Darsteller wurden nach dem letzten Vorhang vom Publikum euphorisch gefeiert. Wer die tolle Bühneninszenierung von Daniel Dawla verpasst hat, dem sei empfohlen, am 23. Juni zum Klubkino in die Muschel zum Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ zu kommen. Das Werk von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922 ist direkt an Dracula angelehnt und gilt als Mutter aller Vampirfilme. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei.
Übrigens hätte Bram Stoker als Herkunftsort des Vampirs um ein Haar gar nicht Transsylvanien, sondern die Steiermark gewählt. Fragt sich nur, ob der Graf dann auch im breiten Österreichisch auf die Jagd gegangen wäre…