Die Sonne scheint mir ins Ohr…

By bonny2punkt0

Alljährlich an Pfingsten verwandelt sich die Zitadelle in Mainz in ein kleines Hippie-Festival, das Open Ohr. Neben Musik, Fressständen und der festivaleigenen Shoppingmeile finden sich hier aber auch Workshops und Diskussionsforen, die das Festival zu einem der letzten politischen in Deutschland machen.

Es ist 22.32 Uhr. Meine Knie werden weich, mein Puls rast, in meinem Bauch kribbelt es vor Aufregung. Neben mir johlt und pfeift es, trotz der kühlen klaren Nacht schwebt eine Hitze über der Menge, die die Luft mit dem Geruch von Schweiß und Alkohol erfüllt. Und dann halte ich es nicht mehr aus: Die tiefen rollenden Bässe reißen mich mit und ich fange an wild und exzessiv zu tanzen. Mit geschlossenen Augen erahne ich, dass auch die anderen 1000 Menschen um mich herum angefangen haben, sich zu bewegen. Die Musik von Asian Dub Foundation erfüllt meinen Kopf und ich nehme einen tiefen Zug von der festivaldurchräucherten Luft. Röchel röchel-hust! Hilfe, was passiert denn jetzt? Offenbar können 1001 Menschen ganz schön was lostreten, zumindest wenn es um den Staub geht, der vor der Hauptbühne bis eben noch den Boden bedeckt hat -

Moment – Staub? Seit wann staubt es auf dem Open Ohr? In der kollektiven Erinnerung der meisten Festivalbesucher rutscht man hier im Schlamm aus, trägt vier Tage lang vom Regen durchweichte Klamotten und versucht mit aller Kraft, das undichte Zelt vor den anströmenden Wassermassen zu schützen, die jedes Jahr genau an Pfingsten aus dem Himmel fallen. Aber dieses Mal ist das anders. Die Sonne lacht über Mainz und brutzelt das gesamte Festivalpublikum gut durch.RockBuster auf dem Drususstein

Gleichbleibendes Wetter, ständig wechselndes Programm

Mit dem Duft von Sommer in der Nase lässt es sich fantastisch übers Festivalgelände schlendern, vorbei an kulinarischen Hochgenüssen und Shoppingständen voller unbrauchbarer, aber irgendwie verlockender Gegenstände, und wo es gefällt, fläzt man sich ins grüne Gras und genießt. Oder man quetscht sich in das – zu Recht – völlig überfüllte Zelt, wo Jess Jochimsen einen Spruch nach dem andren raushaut, über „Onganieren“ (das Aufbauen schwedischer Möbel verbunden mit Rückenmarksschmelze) und seinen Nazi-Opa philosophiert, und eine Stunde lang das Publikum Tränen lacht. Oder man setzt sich auf die lauschige Lichtung oben am Drususstein und genießt den Filmklassiker „Das große Fressen“. Egal, was man tut, dieses Wochenende lässt sich einfach in vollen Zügen leben.

Politik zum selber machen und Interesse wecken

Allerdings kann man auf dem Open Ohr nicht nur – wie das Thema „Geld Gut Güter“ glauben machen könnte – sorgenfrei konsumieren und vier Tage lang alle halbwegs intelligenten Gedanken ausschalten. Das besondere am Open Ohr ist seine nach 34 Jahren ungebrochene Vielfalt an künstlerischem, aber auch politischem Angebot. Es schafft einen eigenen kurzzeitigen Mikrokosmos, wo über mögliche andere Welten philosophiert und diskutiert wird und wo man kritische, aber auch liebevolle Blicke auf unsere Gesellschaft wirft. Hier trifft man nicht auf politische Elite, Leute, die ohne Lernwert für den Konsumenten Dinge von sich geben. Hier sitzen Menschen, die man gestern noch hinter der Kasse an der Tankstelle oder beim Müll-raustragen getroffen hat, und reden über Dinge, die sie für wichtig halten. Denn hier zählt der Mensch und seine Meinung.

Es ist 22.34 Uhr. Ich tanze immer noch wild und exzessiv – allerdings fünfzig Meter weiter hinten. Raus aus Staub und Enge genieße ich jetzt die Musik, die mich noch viel mehr berauscht als die zwei Gläser Rum-Cola, die seit einer halben Stunde in meinem Blut-Kreislauf zirkulieren. Der Bass, der von der Bühne in meinen Körper fließt, lässt nichts anderes zu als Energie und spätestens jetzt weiß ich: Hier ist es schön, ich bleib für immer!

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