Die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse: Der Abschied von Humboldts Idealen
von Lena Bassermann
Mehr Praxisnähe, internationale Mobilität und ein schnelleres Studium: Von der Umstellung der Studienabschlüsse auf Bachelor und Master können die Studierenden nur profitieren – glaubt man den Befürwortern der großen deutschen Hochschulreform. Eifrig bemüht sind die Universitäten des Landes, die Maßgaben, die 1999 mehr als 50 europäische Staaten im italienischen Bologna beschlossen haben, umzusetzen. Was früher Geschichte hieß, trägt nun mancherorts den Titel „General History“, Studienangebote werden eingedämmt und zusammengelegt – Umstrukturierung ist das große Stichwort. Und sie beeilen sich, die Verantwortlichen, denn der Zeitplan will eingehalten werden: 2010 soll der Bologna-Prozess abgeschlossen sein. Daran, dass dieses ehrgeizige Ziel erreicht wird, zweifeln jedoch mittlerweile nicht mehr nur noch die Kritiker.
Masterstudiengänge sind Mangelware
Vor allem die möglicherweise an ein Bachelorstudium anschließenden Masterstudiengänge wurden bislang stiefkindlich behandelt. Wer nach drei Jahren die Universität als Bachelor verlässt und sich für einen Masterstudiengang einschreiben möchte, dem begegnet eine klägliche Auswahl. Der Grund: Den Hochschulen fehlen die Mittel für umfassende Masterangebote.
“Untergang der deutschen Universität”
Nicht nur bei der Organisation der Reform werden Probleme deutlich. Es sind gerade Aufbau und Inhalt der Bachelor-Studiengänge, an denen sich die Verfechter des humboldtschen Humanismus stoßen. Als „Drama“ oder „Untergang der deutschen Universität“, als „Discount-Studium“ oder „kleine Rundreise durch die Uni“ bezeichnen Kritiker das Bachelor-Studium. Und ja, Wilhelm von Humboldt hatte sich das Studieren durchaus anders vorgestellt, als er 1810 die Berliner Universität gründete. Die stark reglementierten Bachelor-Studiengänge harmonieren nur wenig mit dem Ideal der Universität als Stätte der selbstständigen Wissensproduktion. Die Autonomie des Studiums muss wohl auf der Strecke geblieben sein – irgendwo in Richtung Bologna. Vom ersten Semester an zählen studienbegleitende Prüfungen für die Abschlussnote, da bleibt wenig Zeit um sich zu orientieren und sich mit dem Studentenalltag zu organisieren. Wer auf Bachelor studiert, muss wissen, was er will und das am besten vom ersten Tag an.
Humboldt’s Ideale adé
Humboldt propagierte einst die Einheit von Forschung und Lehre. Zeit zum Forschen haben Lehrende in Zukunft kaum mehr, das bleibt einem elitären Kreis vorbehalten, der nicht den enormen Verwaltungsaufwand bestreiten muss. Berge an Bürokratie sind nämlich ein weiterer Nebeneffekt der Reform.
Europaweite Vergleichbarkeit soll mit den neuen Hochschulabschlüssen erreicht werden. Außensteuerung also, die den Studenten bessere Chancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt ermöglichen soll. Auch Humboldt träumte von einer solchen Homogenität, doch nicht durch Abkommen zwischen Politikern, sondern durch den inneren Dialog der Wissenschaft sollte die erreicht werden.
Verbesserungsbedarf auf dem “Weg nach Bologna”
Fernab von Humboldts Idealen nähert sich der Abschluss des Bologna-Prozess an deutschen Universitäten dem Ende. Die Schwächen werden immer deutlicher. Zu hoffen bleibt, dass die Verantwortlichen diese erkennen und an ihrer Verbesserung arbeiten – damit die deutsche Hochschultradition 2010 nicht gänzlich „General History“ sein wird.