Wunderheilung per Klick?

By Lenny Lennard

von Stephan Benz

Schaut man sich den Zeitungsmarkt an, schreit es aus jeder Ecke. Wegbrechen der jungen Leserschaft hier, Rückgänge im Anzeigenmarkt da. Doch was ist zu tun? Ein Wunderheiler muss her: Das Internet – samt der Gefolgschaft der „digital natives“. Eine junge Zielgruppe, die die Tastatur dem Federhalter vorzieht, gepaart mit Anfang 30ern, die ihren Alltag ebenfalls „digital gestalten“.

Mit Druckerzeugnissen lässt sich im leer gefischten Meer der Leserschaft niemand mehr an den Haken holen. In Zeiten von Web2.0 muss alles peppiger, dynamischer und interaktiver sein. Frontalunterricht mittels bebilderter Texte ist „out“. Der Leser will teilnehmen, mitgestalten und sich mitteilen. Nachrichten und Berichte sind crossmedial aufzubereiten: Videos, Podcasts und Flashanimationen gehören hier zum Einmaleins der Redaktionen. Ohne Kommentarfunktionen, Foren, Chats oder gar eigene Blogs kann der Hunger der Mitteilungsbedürftigen nicht gestillt werden. Gleichzeitig muss alles dynamisch und individuell anpassbar sein. Die Wunderwaffe versteckt sich hinter dem Namen „RSS-Feed“ und liefert, einmal abonniert, nur noch gewünschte Inhalte auf den Desktop.

So, oder so ähnlich stellt man sich die Wünsche und Ansprüche der Zielgruppe vor. Prima, doch funktioniert das auch? Die Realität sieht nicht so rosig aus. Der Investitionsaufwand, und somit auch der Preis für einsteigende Verlagsgruppen, ist enorm hoch. Eine Plattform mit allen Extras und Möglichkeiten muss aus dem Boden gestemmt- und anschließend mit gut ausgebildetem Personal bestückt werden. Der einfache, gut ausgebildete Journalist bleibt da gerne auf der Strecke. Multimediales Verständnis gepaart mit Basiswissen im Erstellen von Grafiken, Videos und HTML-Inhalten sind Grundvorrausetzung zum Bestehen im Internetalltag. Des weiteren muss man als Onlinejournalist einem deutlich höherem Stressfaktor standhalten. Im Gegensatz zur klassischen Redaktion kennt das Internet zwar keine festen Abgabetermine, dafür läuft die „Druckerpresse-Internet“ 24 Stunden am Tag. Das hat zur Folge, dass Aktualität in zweierlei Weise groß geschrieben wird. Erstens muss ein Ereignis möglichst schnell veröffentlicht werden und zweitens an sich ständig verändernde Umstände angepasst werden.
Und wofür das Ganze? Für eine Zielgruppe, die die Angebote zwar wahrnimmt, den Wunschvorstellungen doch weit hinterher hängt. Die Krankheit ist also erkannt, die Therapie hat begonnen, doch ob eine Heilung stattfindet oder der Patient am Ende stirbt, bleibt fraglich und abzuwarten.

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