Online-Journalismus: Schnelligkeit um jeden Preis?
Brandaktuell, interaktiv, kostenlos – Online-Journalismus bringt viele Vorteile mit sich, hat aber auch seine Schattenseiten.
Zeitungsredakteure stehen immer vor demselben Dilemma: Kommt eine wichtige Meldung nach Druckschluss rein, kann sie in der aktuellen Ausgabe nicht mehr veröffentlicht werden. Frei von derartigen organisatorischen Zwängen eröffnen sich im Online-Journalismus ganz neue Möglichkeiten: Zwischen dem Schreiben eines Beitrages und dessen Veröffentlichung im Netz steht häufig nur ein Klick. Hohe Aktualität wird damit erzielt – aber wie ist es um die journalistische Sorgfalt bestellt?
In den klassischen Medien ist eine nachträgliche Korrektur unmöglich – was einmal gedruckt ist, ist nun einmal gedruckt, ist ein Beitrag erst ausgestrahlt, lässt sich hinterher nichts dran ändern. Anders im Internet. Man muss nur die Agentur-Ticker verfolgen und mit einer Seite wie Spiegel-Online vergleichen, um Folgendes festzustellen: Sobald die Agenturen eine „Eilmeldung“ verkünden, erscheint genau diese einige Minuten später mit schwarzer Schrift auf gelbem Grund auf Spiegel-Online. Egal, ob es sich nun um den Anstieg des Benzinpreises um fünf Cent handelt oder eine Umweltkatastrophe mit tausenden von Opfern: Aktualität und Schnelligkeit stehen an erster Stelle – erst die Meldung, dann die Recherche. Schließlich können Überschriften permanent geändert, Bilder hinzugefügt und der Inhalt revidiert werden.
Eines ist selbstverständlich für die Nutzer: Online-Journalismus ist kostenlos und soll es auch bleiben. Wichtig ist also vor allem, möglichst viele User auf die eigene Seite zu locken, um für Werbekunden attraktiv zu sein. Nicht gerade einfach bei dem schier unüberschaubaren Angebot des Internets. Keine Zeitung, kein Radio- oder Fernsehsender ist heute noch ohne Online-Auftritt denkbar, doch selten rechnet sich der Aufwand. Immer wieder gibt es daher vor allem im Internet Fälle, die sich in der Grauzone von Schleichwerbung und Product Placement bewegen. So gelangt man etwa beim Online-Auftritt von Bild (www.bild.de) derzeit mit einem Click zur „Volks-Aktion“ „Maxi-Zins“ (http://www.bild.de/BILD/ratgeber/geld-karriere/koso/kqv/volksmaxizins/startseite/monatsgeldanlage.html). Was aussieht, wie ein redaktioneller Beitrag, ist mit einem winzigen Hinweis als „Anzeige“ der Karstadt-Quelle-Versicherung gekennzeichnet. Was für den Laien kaum zu entdecken ist, ruft Andere auf den Plan: Die Medienkritik im Internet boomt. Schier endlos ist die Liste der medienkritischen Blogs wie www.bildblog.de.
Online-Journalismus ist also ein spannendes Genre. Doch beim Frühstück oder im Zug eine Zeitung in den Händen zu halten - darauf werden wohl auch in Zukunft nur Wenige verzichten wollen.