Bäumchen wechsel dich!

By jreda

Es war lange ein beliebter Vorwurf, dass die Internetauftritte so mancher Zeitungen nur schlechte Kopien ihrer Print-Ausgaben seien. Auf die besonderen Ansprüche und Möglichkeiten des Mediums Internet werde nicht genug eingegangen, und lediglich die Artikel eins zu eins in ein Webformat gepresst. Mittlerweile haben zumindest die finanzstärkeren Printmedien stark in ihre Webauftritte investiert, und der Nutzer kann neben verbesserter Aktualität mitunter sogar Anflüge von Interaktivität und thematischer Vernetzung genießen.

Umso erstaunlicher ist es, dass ein Projekt, das wie kaum ein anderes die Vorzüge des Internets in sein Konzept inkorporiert hat, den entgegengesetzten Weg zu gehen scheint. Die Wikipedia kommt auf den Printmarkt. Das Bertelsmann Lexikon Institut will das Online-Lexikon ab September als Einbänder in den Buchhandel bringen – freilich in deutlich abgespeckter Form. Das Nachschlagewerk, das zum Preis von 19,95 € erhältlich sein wird, soll den jeweils ersten Absatz der 50.000 meistgesuchten Begriffe umfassen. Durch dieses neuartige Relevanzkriterium setzt sich die Wikipedia zwar auch in gedruckter Form von anderen Enzyklopädien ab, es drängt sich aber schon die Frage auf, ob für dieses Produkt überhaupt ein Markt besteht.

Im stern-Test, in dem die deutschsprachige Wikipedia deutlich besser abschnitt als der kostenpflichtige Online-Brockhaus, wurde als Stärke der Wikipedia insbesondere seine Aktualität angeführt. Gerade diese ginge bei einer Printausgabe aber verloren. Auch der große Vorteil der Wikipedia gegenüber Printmedien, durch die Verlinkung von Artikeln und externen Quellen Informationen in einem breiten Kontext zu präsentieren, lebt von der Verwendung von Hypertext.

Nun läutet dieser Ausflug auf den Printmarkt sicher nicht das Ende der Wikipedia ein. Aber er ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Print- und Onlineinhalte nach wie vor häufig als austauschbar angesehen werden – auch von denen, die es eigentlich besser wissen sollten. Es bleibt zu hoffen, dass die geplante Überarbeitung der Wikipedia-Inhalte für die Buchfassung nicht dazu führt, dass für den Einbänder konzipierte Inhalte letztlich wiederum in die Onlineversion kopiert werden.

Man kann sich nur wundern, warum es überhaupt der Erwähnung bedarf, dass für solch verschiedene Medien wie Internet und Print auch verschiedene Darstellungsformen notwendig sind, wenn man ihr Potential voll ausschöpfen will. Schließlich kommt auch niemand auf die Idee, einen Radiobeitrag im Fernsehen zu senden.

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