Seit Menschengedenken werden dem Wort übermenschliche Kräfte nachgesagt. Wer den wahren Namen eines Menschen kennt, übt Macht über ihn aus. Das Schlüsselwort offenbart Geheimnisse – das Zauberwort, zur richtigen Zeit ausgesprochen, kann gar die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft setzen! Wer mit Worten umzugehen weiß, kann als Redner, als geistlicher Führer, als Schamane seine Mitmenschen lenken.
„Alles Hokuspokus!“ sagt der aufgeklärte Weltbürger der Gegenwart. Wir leben in einer materiellen Welt, Magie gibt es nicht, und man ist ja außerdem Agnostiker! Und doch baut sein gesamtes Weltbild auf den Informationen auf, die täglich durch Zeitung, Fernsehen und Internet auf ihn einströmen. Die Journalisten, die Schamanen der Neuzeit, weben die auf sie einströmenden Informationen in ein Netz, das die Welt umspannt. Sie bannen die Vielfalt unserer Existenz auf Papier. Damit setzen sie sich zwar nur in Einzelfällen über Raum und Zeit hinweg, doch die journalistische Agenda bestimmt, was die Gemüter bewegt. So binden sich in San Francisco Menschen an Brücken fest, um für Tibet zu protestieren. Doch ohne die Medien hätten sie wohl nie gewusst, was Tibet überhaupt ist.
Haben wir uns also kein Stück weiterentwickelt von der Gesellschaft, in der die breite, entmündigte Masse von einer kleinen Zahl sprachbegabter Führer dominiert wird?
Nein! Die Aufgabe des Journalisten liegt nicht darin, die Menschen zu kontrollieren. Er kann das Wissen – und damit die Macht – über das eigene Leben an die Menschen weitertragen, etablierte Denkmuster aufbrechen und seine Leser und Zuschauer einladen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Er führt sie an fremde Welten heran und stellt ihnen dann frei, die so gewonnenen Einblicke auf ihre eigenen Lebenswelten zu übertragen. Er macht Informationen verdaubar und trägt so dazu bei, dass Menschen die Kraft entwickeln, über das Wissen der Welt zu verfügen und sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen.
Das Verfolgen der Medien gibt ständig neue Denkanstöße – nicht nur für die Leser, sondern auch für den Journalisten selbst. Er ist gezwungen, sich täglich mit neuen Themen auseinanderzusetzen, immer etwas schneller zu sein als die anderen, immer etwas tiefer zu schürfen – und hört dadurch niemals auf zu lernen. Sein Beruf ist lohnenswert über das reine Brötchenverdienen hinaus. Da das Rad der Zeit niemals stillsteht, hat er die Chance, sich täglich neu zu erfinden. Er lernt, mit der aberwitzigen Geschwindigkeit der Welt Schritt zu halten. Und attestiert man ihm auch eine besonders geringe Lebenserwartung, so muss den Journalisten das nicht stören. Was machen schon ein paar Jährchen weniger Zeit aus, wenn man zeitlebens dreimal so viel erlebt und bewegt wie der behäbige Angestellte, der Jahre seines Lebens damit verschwendet, auf 17 Uhr zu warten?
Julia Reda
Schlagworte: jreda