„W-a-r-u-m w-e-r-d-e i-c-h J-o-u-r-n-a-l-i-s-t-i-n-?“

By bonny2punkt0

bonny2punkt0 denkt nach

Es ist 12.13 Uhr, Freitag. Meine Haare sind nach dem Waschen ziemlich fusselig und kitzeln mich im Nacken. Draußen bauschen sich schmutzigweiße Wolken am Himmel. Vor meiner Zimmertür wuselt jemand durch den Gang, ab und an heult der Staubsauger vor sich hin, ich sitze an meinem Schreibtisch, umgeben von dreckigen Tellern und vier Gurkengläsern, in denen nur noch grünlich-braunes Wasser schimmert. Tick-tack, tick-tack, tick-tack klickert der Zeiger meiner Uhr und sagt mir, dass mit einer unbarmherzigen Beständigkeit die Zeit magerer wird.

Vor sieben Tagen und ungefähr zwanzig Stunden hat das Unheil angefangen: Ich soll schreiben, warum ich Journalistin werde. Schon beim Lesen der Aufgabe breitet sich in meinem Hirn eine Leere aus, die mich ein bisschen an eine gotische Kirche erinnert – massive Mauern, unendlich hohes Gewölbe und darin geschätze 100.000 Kubikmeter staubfreier, gegenstandsloser, absolut leerer Raum. Ich setze mich also zu Hause hin und das schneeweiße Monster glotzt mich an. „W-a-r-u-m w-e-r-d-e i-c-h J-o-u-r-n-a-l-i-s-t-i-n-?“ 31 Zeichen, wunderbare Leistung – nur noch 2469 vor mir. Und immerhin hat das Monster jetzt schon mal Augenbrauen. Leider hat ihm das in den letzten sieben Tagen und ungefähr 19 Stunden nichts von seiner Grauenhaftigkeit genommen. Aber jetzt müssen die 2469 Zeichen raus. Und so, klumpig und zäh wie schlecht gerührter Teig, tropfen die Wörter aufs Papier. Tick-tack, tick-tack. Denk nach, warum wirst du Journalistin? Tick-tack, tick-tack. Eigentlich gibt es doch viele Gründe… tick-tack, tick-tack. So, jetzt reicht’s! Mit einem sauberen Kick befördere ich meinen Wecker durch das Fenster nach draußen. Nach ein paar Sekunden höre ich vier Stockwerke tiefer auf der Straße ein leises Splittern und ich weiß, dass das Monster sein erstes Opfer erlegt hat.

Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, ob ich Journalistin werde, noch ehrlicher, ich weiß auch gar nicht, ob ich Journalistin werden will. Aber dafür wussten meine Eltern schon, als ich zwei Jahre alt war, dass ich am schnellsten einschlafe, wenn man mir Geschichten erzählt. Geschichten, Gedichte, Novellen und Tragödien – nichts nimmt mich so gefangen wie die Sprache und nichts gibt mir so ein warmes, wohliges Gefühl wie die Eleganz der Worte. Ich könnte mich stundenlang suhlen in den literarischen Ergüssen von Max Frisch und Simone de Beauvoir. Die Welt um mich herum zu beschreiben, macht sie für mich erst greifbar. Unter einem Baum zu liegen und die Sonne zu spüren, wie sie durch die grünen Blätter auf meine Haut fällt und alles so frisch riecht, wird für mich erst dann vollkommen, wenn ich in meinem Kopf die angemessenen Worte dafür finde.

Vielleicht sollte ich lieber Hartz-IV-Empfängerin werden und den ganzen Tag Bücher lesen. Aber wer weiß schon mit zwanzig, was man sollte? Ich weiß nur, dass ich jetzt schnell zur Uni sollte, um mein Seminar nicht zu verpassen. Und vielleicht sollte ich unten vor meiner Haustür noch mal anhalten und meinem Wecker Sterbehilfe leisten…

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